In den zurückliegenden
sechs Monaten haben das "Bündnis für Gebührengerechtigkeit"
und die Bürgerinitiativen aus dem Gebiet des Wasser- und Abwasserzweckverbandes
Arnstadt und Umgebung (WAZV) schon einige Erfolge erzielen können. So wurde
nach langer und hartnäckiger Blockadehaltung der Bürgermeister nun
endlich ein Verbraucherbeirat gebildet.
Der Zweckverband gewährt die zinslose Stundung der Abwasserbeiträge,
wenn der Zahlungsbetrag über 1.000 EUR liegt. In über 500 Einzelfällen
hat der Zweckverband fehlerhafte Bescheide zu Gunsten der Bürger geändert.
In Arnstadt wurde per Gerichtsentscheid ein Bürgerbegehren zugelassen,
bei dem die Bürger über die künftige Struktur des WAZV abstimmen
können.
Zur Zeit laufen mit dem Zweckverband und dem Landratsamt des Ilm-Kreises Gespräche
zur Durchführung eines Musterklageverfahrens, damit nicht über die
vorliegenden rund 2.500 Widersprüche gegen die Abwasserbescheide einzeln
entschieden werden muss. In einer erheblichen Frage besteht aus Sicht der Bürger
aber bis weiterer Handlungsbedarf: Noch verweigern die Verantwortlichen des
Zweckverbands den notwendigen Dialog, um deutliche Reduzierungen der Abwassergebühren
und -beiträge zu diskutieren und - viel wichtiger - diese auch zu erreichen.
Hintergrund ist, dass der Zweckverband die mit Abstand höchsten Abwassergebühren
und -beiträge in der Region aufweist. Vor einigen Monaten hat der Zweckverband
über 7.000 Abwasserbeitragsbescheide erlassen. Die durchschnittliche Belastung
für ein normales Eigenheimgrundstück beträgt bis zu 5.200 EUR.
Weshalb sie jetzt bereits für Investitionen zahlen müssen, die der
Verband erst bis 2034 realisieren will, können viele Bürger nicht
nachvollziehen. Besonderes Unverständnis äußern die Bürger
in Bittstädt, Gossel und Neusiß. In diesen Orten hat der Zweckverband
bisher keine Investitionen getätigt und in den nächsten Jahren auch
nicht geplant. Trotzdem sollen dort die Bürger zahlen. Und dies für
Klärteiche, die bereits vor der deutsch-deutschen Wiedervereinigung durch
die Einwohner selbst errichtet worden.
Noch tut sich der Zweckverband schwer, sich den Argumenten der Bürger zu
stellen. Vielmehr verweisen die Verantwortlichen auf gesetzliche Regelungen
und haben auch keine Scheu davor, bei den Verbandsbeschäftigten Arbeitsplatzängste
zu schüren und systematisch gegen jegliche Umstrukturierungsbestrebungen
zu hetzen.
Das "Bürgerbündnis für Gebührengerechtigkeit",
bestehend aus fünf Bürgerinitiativen und den Ortsverbänden von
SPD und DIE LINKE, lässt jedoch nicht locker und macht immer wieder Gesprächsangebote
an die Bürgermeister, die Werkleitung und die Beschäftigten. Dabei
geht man durchaus auch ungewöhnliche Wege. So veranstaltete das Bündnis
vor wenigen Tagen vor dem Arnstädter Wasserwerk, dem Betriebssitz des WAZV,
eine besondere Protest- und Dialogveranstaltung. Im Rahmen der "Wasserspiele",
so der themenorientierte und von der Werksleitung als skurril' gescholtene
Name der Veranstaltung, sollte es Gespräche über die Zukunft des Zweckverbandes
geben. Doch die Verbandsverantwortlichen schlugen die Gesprächseinladung
der Bürger aus. Damit auch nicht nur ein einziger Beschäftigter mit
den Bürgern in Kontakt kommen konnte, wurde die Arbeitszeit verlagert und
der Betriebssitz verschlossen. Zudem wurde das Verbandsgelände durch Einsatz
eines privaten Sicherheitsdienst symbolträchtig zur Trutzburg ausgebaut.
Viele Besucher der "Wasserspiele" fragten sich daher, für wen
eigentlich der Zweckverband da ist, wenn der Bürgerkontakt derart blockiert
wird.
Trotz all dieser Maßnahmen waren die "Wasserspiele" ein großartiger
Erfolg, der die Bereitschaft zum Widerstand seitens des Bürgers gegen das
an staatliche Willkür grenzende Handeln durch den WAV zum Ausdruck brachte.
Aus vielen Teilen von Thüringen konnten Bürgerinitiativen begrüßt
werden, die durch ihre Teilnahme ihre große Solidarität mit den Arnstädtern
zum Ausdruck brachten. Während die verantwortlichen Kommunalpolitiker ihre
Teilnahme verweigerten, stellten sich die Landespolitiker dem Bürgerdialog.
André Blechschmidt, parlamentarischer Geschäftsführer der Landtagsfraktion
DIE LINKE, fand umfangreiche Zustimmung, als er eine transparente Bürgerbeteiligung
in allen Gebühren- und Beitragsfragen einfordert. Er kündigte zudem
an, dass seine Fraktion derzeit prüft, unter welchen Bedingungen es möglich
wäre, neben den Wasserbeiträgen, auch die Abwasser- und Straßenausbaubeiträge
abzuschaffen. Von den 158 kommunalen Aufgabenträgern erheben gegenwärtig
bereits 47 keine Abwasserbeiträge mehr. Der Landtagsabgeordnete sagte auch
weiterhin weitreichende Unterstützung der LINKEN für Bürgerinitiativen
zu. Gerade die beiden Landtagsabgeordneten der LINKEN aus Arnstadt, Sabine Berninger
und Frank Kuschel, arbeiten von Beginn an im Arnstädter Bürgerbündnis
mit und waren Mitorganisatoren der "Wasserspiele".
Klaus von der Krone, CDU-Landtagsabgeordneter aus der Region, hatte es recht
schwer, beim Bürger auf Zustimmung zu stoßen. Dies scheint verständlich
- ist er doch auch seit der Verbandsgründung als Bürgermeister einer
der Verbandsverantwortlichen. Bis 2004 war von der Krone sogar Vorsitzender
des WAZV. Widerspruch erntete er insbesondere mit seinem Erläuterungsversuch,
der Zweckverband würde nur Gesetze umsetzen. Vertreter der Bürgerinitiativen
verwiesen zu Recht darauf hin, dass dies auch andere Zweckverbände tun;
freilich zu niedrigeren Gebühren und Beiträge. So liegen die Abwasserbeiträge
im benachbarten Ilmenauer Verband nur bei rund einem Drittel im Vergleich zu
Arnstadt.
Die "Wasserspiele" boten neben interessanten Gesprächen auch
ein mannigfaltiges Unterhaltungsprogramm und eine Menge neuer Informationen
für alle Anwesenden. Die Landtagsfraktion DIE LINKE, vertreten durch ihr
mobiles Bürgerbüro, war ebenso nachgefragt wie die Informationsstände
der Bürgerallianz und einzelner Bürgerinitiativen. Was die Landespolitiker
der Christdemokraten und der LINKEN mit nach Erfurt nahmen, war der Auftrag,
nun endlich für bürgerfreundliche und transparente Kommunalabgabenregelungen
zu sorgen. Am 11. September 2008 werden hierzu die Bürger wieder vor dem
Landtag protestieren. Natürlich werden dabei die Arnstädter wieder
mitwirken.
27.05.2008