Die Abrissfirma ist schon am Werk
Kammgarnspinnerei Wernshausen muss Gewerbegebiet weichen, beklagen Demonstranten
Am bittersten ist der Abriss der Kammgarnspinnerei im Schmalkalder Ortsteil Wernshausen wohl für Matthias Reinhardt. 300 000 Euro habe er ausgegeben und ein 80 Jahre altes Wasserkraftwerk restauriert, sagt der Mann aus Floh-Seligenthal. Der Wassergraben, der die Turbinen antreibt, läuft quer über das Gelände der Kammgarnspinnerei an der Bundesstraße 19; das Gebäude mit der alten Mechanik liegt mittendrin. Reinhardt sagt, der Eigentümer des denkmalgeschützten Industriegeländes habe ihm das Grundstück versprochen. 60 Haushalte könnte das Kraftwerk mit sauberem Strom versorgen, die Technik von 1928 museal präsentiert werden. „Ich wollte Strom machen und Führungen, aber der Eigentümer hat sein Versprechen nicht gehalten“, sagt Reinhardt.
Das seit vier Jahren ungenutzte Industriegelände wurde an die Gemeinde Wernshausen verkauft – die sich für den Totalabriss entschieden hat. Gewerbe soll an der B 19 angesiedelt werden, „Revitalisierung des Standorts“ sagt Wernshausens Ex-Bürgermeister Rainer Stoffel (parteilos) dazu. Weil Fördermittel für die Wiederbelebung nur dann fließen, wenn das gesamte Gelände eingeebnet wird, hat die Gemeinde eine Abrissgenehmigung beantragt.
Landesdenkmalamt bedauert
Der Landrat von Schmalkalden-Meiningen, Ralf Luther (CDU), erlaubte im vergangenen Jahr den Abriss. Der Gemeinde sei der Erhalt des Industriedenkmals aus wirtschaftlichen Gründen nicht zuzumuten, argumentierte schließlich auch die Untere Denkmalbehörde, deren Chef Luther ist. An der Entscheidung vermag selbst das Landesamt für Denkmalpflege nicht zu rütteln. Deren Experten sprachen sich für den Erhalt der Kammgarnspinnerei aus. Hinter den Kulissen gab es einen Briefwechsel zwischen Landrats- und Denkmalamt und Vor-Ort-Termine.
Vergeblich. „Das Landesamt erstellt lediglich eine fachliche Stellungnahme“, sagt Landeskonservator Stefan Winghart. „Uns sind die Hände gebunden.“ Aus seiner Sicht verliert der Freistaat ein wertvolles Denkmal der Industriegeschichte und baugeschichtlich wertvolle Architektur.
Gemeint ist damit das ehemalige Verwaltungsgebäude der Spinnerei. Mit seinen wuchtigen Säulen und den beiden Sandsteinschafen prägt das Gebäude die Kreuzung und damit auch den Ortseingang.
Gestern entrollten dort Vertreter der Linkspartei aus Kreis- und Landtag sowie engagierte Bürger selbst gemalte Transparente. „Kulturdenkmal erhalten, stoppt den Abriss“ schreiben die Linken. Die 1,2 Millionen Euro, mit denen das Land den Abriss fördert, würden reichen für die Sicherung der zwei wichtigsten Gebäude, meint Frank Kuschel, kommunalpolitischer Sprecher der Linken. „Die Sicherung würde nur 800 000 Euro kosten.“ Birgit Klaubert, kulturpolitische Sprecherin der Partei und Mitglied im Landesdenkmalrat, bedauert, dass das Landesdenkmalamt „ein zahnloser Tiger“ ist. Einen Abriss ohne gesicherte Nachnutzung findet sie „unsäglich“.
Abriss bedingungslos erlaubt
Ein weit derberer Kraftausdruck entfährt Martin Koenitz, der vor zwei Jahren ein mittelalterliches Schloss im Nachbarort Breitungen gekauft hat. Er saniert es aus eigener Kraft und hat ausgerechnet, dass genau 1,5 Prozent der bisher ausgegebenen Summe aus Fördertöpfen des Landes kam. Den Abriss eines Kulturdenkmals mit 90 Prozent zu fördern hält er für Geldverschwendung. Jochen Halbig, ebenfalls Schlossbesitzer und -sanierer, ist empört, dass „gegen alle Erfordernisse der Denkmalschutzbelange der Region eine plane Fläche geschaffen wird“.
Dass es dabei bleibt, macht Schmalkaldens Bürgermeister Thomas Kaminski (parteilos) bei einer Diskussionsrunde im Rathaus klar. Weil Wernshausen seit Jahresanfang ein Ortsteil der Stadt Schmalkalden ist, muss er sich jetzt mit den Demonstranten auseinander setzen. „Das Problem ist ein geerbtes“, erklärte Kaminski. „Aber wir stehen zur Entscheidung von Wernshausen.“ Abriss und Erschließung seien besser als zwanzig Jahre Leerstand. Die Anfrage eines Investors aus der Energiebranche nehme man ernst; ein Gespräch habe es bisher gegeben. Vorstellen könne er sich, die Fassade des Verwaltungsgebäudes teilweise zu erhalten, sagte Kaminski. Und er will sich einer Liste von Schlossbesitzer Koenitz annehmen, der erhaltenswerte Objekte der Kammgarnspinnerei aufgeschrieben hat. Verpflichtet ist die Stadt nicht, sie zu sichern – das Kultusministerium als Oberste Denkmalschutzbehörde hat im Streit zwischen Landesdenkmalamt und Landkreis das letzte Wort gesprochen und an den Abriss keinerlei Bedingungen geknüpft. Nicht einmal die sonst übliche Abrissdokumentation müsse erstellt werden, erklärt Landeskonservator Winghart. Schmalkalden, so Kaminski, tue das freiwillig.
Mit Fieber und blassem Gesicht hörte der Sanierer des Wasserkraftwerks zu. Die teils erregten Worte ändern die Tatsachen nicht. Das Kraftwerk wird wohl ebenso dem Erdboden gleichgemacht wie alle anderen denkmalgeschützten Gebäude. Die Abrissfirma ist seit vergangenem Montag am Werk.
Freies Wort vom 21.01.2009