Linke fordern: „Stoppt den Abriss!“
Kundgebung für Erhalt der Industriedenkmäler an der Zwick / CDU springt auf Protestzug auf

„Wir gehen nur bis zum Zaun“, beschwichtigt Frank Kuschel. Die Zufahrt zur ehemaligen Kammgarnspinnerei ist verbarrikadiert. Vor dem Bauzaun postieren sich zwei Baustellenarbeiter. Sie verleihen dem Schild „Betreten verboten“ Nachdruck. Der kommunalpolitische Sprecher der Linke-Landtagsfraktion übt sich in Deeskalationspolitik. „Wir wollen nur mal einen Blick auf die Sheddachhallen werfen“, sagt er in Richtung der beiden Aufpasser. In seinem Schlepptau hat Kuschel die Vizepräsidentin des Thüringer Landtags, Dr. Birgit Klaubert, den Abgeordneten Maik Nothnagel und Kreistagsmitglied Manfred Hellmann. Die Linkspolitiker hatten den Vororttermin zu einer Kundgebung für den Erhalt des Industriegebäudes genutzt.
Vor der Barriere haben sich auch die Denkmalschützer um Martin Koenitz und Jochen Halbig versammelt. Museumsdirektor Kai Lehmann und der Restaurator der Wasserkraftanlage, Matthias Reinhardt, gesellen sich ebenfalls zum Tross.
Transparente und Plakate werden ausgerollt. „Kulturdenkmäler erhalten – stoppt den Abriss“ fordert Die Linke. „Ein Gutachten, das die Gemeinde Wernshausen in Auftrag gegeben hat, beziffert die Kosten für eine Sicherung auf 800 000 Euro, für den Abriss fließen 1,2 Million Euro an Fördermitteln“, gibt Frank Kuschel zu bedenken. Auf die Frage nach Folgekosten meint der Arnstädter nur, dass das bei Denkmälern immer so sei. Er akzeptiere zwar das Interesse der Kommune, Gewerbefläche zu erschließen, aber gerade die öffentliche Hand dürfe nicht nur nach ökonomischen Gesichtspunkten handeln. „Ein Abriss des Hochbaus der Vorspinnerei und des Verwaltungsgebäudes an der Zwick würde nur zehn Prozent mehr Fläche bringen“, stellt er die Notwendigkeit eines vollständigen Rückbaus der Komplexe in Frage.
Auch seine Parteifreundin Klaubert findet die historische Substanz erhaltenswert. Mit der Demonstration wolle man Öffentlichkeit herstellen, um für das Problem zu sensibilisieren, sagt sie. „Wenn man nicht mal mit Protesten oder Petitionen einen Aufschub des Abbruchs erreichen kann, ist das der einzige Weg“, begründet die Landtagsvizepräsidentin. Auf diesem Weg hofft die studierte Lehrerin, dass wenigstens das Verwaltungsgebäude erhalten werden kann. „Wenn man einen Investor hat, könnte man das Geld auch verwenden, um die Gebäude im Sinne des Unternehmens nutzbar zu machen“, meint sie, „aber man hat keinen Investor und wartet nicht bis einer kommt.“ Historische Industriedenkmäler würden einfach abgerissen und die Brachfläche solle dann Abnehmer finden, wettert sie. Wie es um den Zustand im Inneren der Anlagen bestellt sei, könne sie jedoch nicht sagen. Ihre Aussagen bezögen sich deshalb nur auf das, was sie von außen sehen und aus denkmalschützerischer Perspektive sagen könne.
Die CDU, vertreten durch Stadtverbandschef Kai Lehmann, will die Zukunft der alten Kammgarn gar als Thema für die Kommunalwahl aufmachen. „Wir werden Ideen entwickeln, wie wir die Gebäude sinnvoll nutzen können“, verrät der Museumsdirektor, bei dem ebenfalls das vom Architekten Karl Behlert konstruierte Verwaltungsgebäude ganz oben auf der Prioritätenliste steht.
Die Baufirma, die bis Juli 2010 die Abrissbirne schwingen soll, muss sich inzwischen vor laufender Kamera rechtfertigen. Der Baustellenverantwortliche Roland Henkel, antwortet vor dem Metallzaun auf die Frage, ob es ihm nicht wehtue, Kulturdenkmäler zu zerstören: „Für mich ist das eine ganz normale Baustelle.“ „Wir machen hier nur unsere Arbeit“, pflichtet ihm sein Kollege bei.
Nachdem der Fernsehreporter sein Interview beendet hat, werden die Plakate eingerollt. Ein Gespräch bei Bürgermeister Thomas Kaminski im Schmalkalder Rathaus folgte.

Freies Wort vom 21.01.2009