"Kammgarn-Erhalt ist schlicht ein zu teures Vergnügen"
Schmalkaldens Bürgermeister Thomas Kaminski zum Thema Kammgarnspinnerei
Der Abriss der ehemaligen Kammgarnspinnerei in Niederschmalkalden bestimmt zurzeit das öffentliche Interesse. Mittlerweile haben die Petitionen und Demonstrationen einheimischer Denkmalpfleger auch überregional Wellen geschlagen. In einem Interview mit Redakteurin Susann Schönewald verteidigt Schmalkaldens Bürgermeister Thomas Kaminski die Pläne, bittet aber gleichzeitig um eine Versachlichung der Diskussion.
Überrascht Sie die Protestwelle, die jetzt gegen den Abriss der Kammgarnspinnerei anrollt?
Es überrascht mich nicht, dass der Abriss der Gebäude der Kammgarnspinnerei in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert wird und hierbei über die weitere Verfahrensweise auch geteilte Meinungen vertreten werden. Überrascht bin ich dagegen über die Art und Weise der Diskussion – bishin zu persönlichen Angriffen. Die Angriffe kommen von Personen, die mich lediglich aus einem Gespräch kennen und auf mich persönlich wegen der Kammgarnspinnerei überhaupt nicht zugegangen sind. Im Übrigen scheint nicht in jedem Fall der Gedankengang des vormaligen Gemeinderates Wernshausen und jetzt der Stadt Schmalkalden für die eingeschlagene Verfahrensweise zu interessieren.
Ist das Gutachten, wie einige Denkmalpfleger behaupten, getürkt?
Ich habe das Gutachten eingesehen und keinerlei Anhaltspunkte dafür gefunden, dass es getürkt ist. Soweit ich weiß, werden die Äußerungen nicht von Denkmalpflegern getätigt, sondern von Menschen, die weder aus Wernshausen, noch aus Schmalkalden kommen und sich den Erhalt alter Gebäude auf die Fahne geschrieben haben. Dies sind weder sachlich richtige Argumente, noch helfen sie im Rahmen einer sachlichen Diskussion weiter.
Kann man das Gutachten und die Pläne zur „Revitalisierung der Zwick“ einsehen und wo?
Das Gutachten sowie die Pläne für die Revitalisierung der Kammgarnspinnerei liegen im vollständigen Umfang bei der mit den Maßnahmen beauftragten Firma EFG GmbH vor. Die Einsichtnahme ist mit der Stadt und der Fa. EFG GmbH abzustimmen. Es gibt in der Angelegenheit nichts zu verheimlichen, weshalb auch nichts gegen eine entsprechende Einsichtnahme spricht.
Sind Alternativen für den Erhalt der Kammgarn geprüft worden?
Selbstverständlich sind Alternativen für den Erhalt der Kammgarnspinnerei geprüft worden. Die Prüfung ist zunächst durch die Gemeindeverwaltung Wernshausen und den Gemeinderat Wernshausen erfolgt. Auch das Landratsamt in Person des Landrates Ralf Luther und auch meine Person haben sich um Alternativen für den Erhalt der Kammgarnspinnerei bemüht. Dabei sind alle Alternativen, die eine wirtschaftliche Nutzung ermöglicht hätten, nicht zum Tragen gekommen. Die von Teilen der Abriss-Kritik vorgebrachten Vorschläge, die Ofensammlung oder die Ofenplattensammlung des Museums Schloss Wilhelmsburg in dem Gebäude auszustellen, ist wirtschaftlich überhaupt nicht darstellbar. Zunächst wäre das notwendige Gebäude in einen nutzbaren Zustand zu versetzen, was schon einen Millionenbetrag verschlingen würde. Dann würden in Zukunft Betriebskosten durch Strom- und Heizkosten, aber auch Personalkosten anfallen, die durch Einnahmen nicht zu decken sind. Der Museumsdirektor, der diesen Vorschlag im Übrigen unterstützt, müsste wissen, was ein Museum kostet und was für ein Zuschussbedarf ein solches Museum auslöst. Es wird hier der Steuerzahler sogar zwei Mal belastet, nämlich durch die notwendigen Sanierungsmaßnahmen wie durch den Betrieb. Einen Mehrwert für die Stadt Schmalkalden würde eine solche Nutzung dennoch nicht bringen.
Sind Sie bereit, über die Zukunft der Kammgarn noch einmal zu beraten, mit dem Ziel, Behlertbau, Vorspinnerei und Wasserkraftwerk zu erhalten?
Es sind die letzten zwei Monate vielfache Beratungen gelaufen, um den Erhalt der Kammgarnspinnerei nochmals in alle Richtungen zu prüfen. Es gab auch Gespräche mit der Landesregierung. Diese Bemühungen sind ergebnislos verlaufen. Die finanzielle Verantwortung für ein Abweichen von der ursprünglichen Planung zur Revitalisierung läge allein bei der Stadt Schmalkalden.
Die Stadt Schmalkalden kann sich das Abweichen nicht leisten, da die entsprechenden Fördermittel wegfallen würden und für den späteren Betrieb, wie bereits ausgeführt, weitere Kosten anfallen werden. Die Innenstadt mit dem einmaligen Fachwerkbestand bedarf die volle Konzentration und auch das volle finanzielle Engagement Stadt Schmalkalden. Mit der Kammgarnspinnerei besteht die sehr ernst zu nehmende Gefahr des Verzettelns sowohl in Hinsicht der organisatorischen Umsetzung, aber insbesondere auch im Hinblick auf die finanzielle Belastbarkeit der Stadt.
Was wären die Konsequenzen, wenn die Akte „Kammgarn“ noch einmal aufgeschlagen würde?
Wenn die Akte Kammgarnspinnerei nochmals aufgeschlagen würde, würden sich die Grundlagen ändern, die den Fördermittelbescheid in Höhe von 3,5 Millionen Euro dargestellt haben. Es besteht damit die realistische Gefahr, dass der Fördermittelbescheid zurückgenommen würde, zumindest besteht die entsprechende Möglichkeit. Es sind im übrigen gegenüber den Befürwortern für den Erhalt der Kammgarnspinnerei weitreichende Zugeständnisse gemacht worden in der Form, dass eine umfängliche Dokumentation der Gebäudesubstanz erfolgt, Baumaterialien in abgestimmter Art und Weise übergeben werden und die Möglichkeit besteht, Teile der prägenden Fassade des Behlertbaus als Eingangstor zum Gewerbegebiet zu verwenden und ein solches Tor zu errichten.
Welche Überlegungen gibt es für den Tag nach dem Abbruch?
Fest steht, dass nach dem Abbruch eine Ebene sofort bebaubare Gewerbefläche existiert mit einer Gesamtfläche von zirka vier Hektar. Die Fläche ist verkehrstechnisch extrem gut gelegen und sozusagen das Filetstück der Gewerbeflächen in Schmalkalden/Wernshausen. Es wird dann in die Vermarktung der Fläche eingestiegen werden.
Was ist mit der Fläche geplant, sollten sich keine Investoren ansiedeln?
Aufgrund der besonderen Lage des Grundstückes ist nicht damit zu rechnen, dass die Fläche nicht vermarktet werden kann. Im übrigen handelt es sich nicht um eine solch große Fläche wie in Queienfeld, wo nur Großansiedlungen gerechtfertigt wären. Die Stadt Schmalkalden hat bereits in der Vergangenheit sehr schmerzhaft erfahren müssen, was passiert, wenn keine Alternativflächen für Gewerbe- und Industrieerweiterungen angeboten werden können. Es besteht für eine Gewerbeansiedlung kein entsprechender Zeitdruck. Die Fläche darf nur zu gewerblichen Zwecken vermarktet werden. Jede andere Vermarktung wäre förderschädlich.
Wie gehen Sie mit den persönlichen Angriffen um, ein Denkmal vernichten zu wollen?
Wenn man Entscheidungen treffen muss, muss man auch damitmit rechnen, dass sich Widerstand gegen die eine oder andere Entscheidung auftut. Mit diesem Widerstand muss man letzten Endes leben können. Dass jedoch gebildete Menschen in einer doch verletzenden Art und Weise die Angriffe formulieren, halte ich im vorliegenden Fall für reichlich überzogen. Jedoch sehe ich davon ab, anders als es Kollegen in der Vergangenheit getan haben, rechtliche Mittel, die möglich wären, in Anspruch zu nehmen.
Schmalkaldens Innenstadt steht unter Denkmalschutz? Wie viel gibt die Stadt Schmalkalden alljährlich für den Erhalt alter Bausubstanz aus?
Die Stadt Schmalkalden gibt mehrere Millionen Euro jährlich für den Erhalt der Bausub-stanz in der Innenstadt aus und dabei ist die Stadtbodensanierung, die noch eine besondere Herausforderung darstellt, nicht inbegriffen.
Gerade über Förderprogramme auch zugunsten privater Investoren wird alles getan, um das Denkmalensemble Innenstadt Schmalkalden auch für die Nachwelt zu erhalten. Dabei ist natürlich oberstes Ziel, die sanierten Gebäude auch einer Nutzung zuzuführen. Ein genau bezifferter Betrag lässt sich nicht benennen, da natürlich auch Schwankungen jährlich inbegriffen sind.
Kann man Ihrer Meinung nach jedes Denkmal erhalten?
Nicht jedes Denkmal lässt sich erhalten. Das deutsche Denkmalrecht definiert, was unter einem Denkmal zu verstehen ist. Der Erhalt des Denkmals hängt aber auch von seiner wirtschaftlichen Nutzung ab. Dies ist im Übrigen auch der ausschlaggebende Punkt für die der Gemeinde Wernshausen bekannt gegebene Bauerlaubnis für den Abriss, verbunden mit der denkmalschutzrechtlichen Genehmigung.
Selbstverständlich geht mit jeder Veränderung oder auch mit jedem Verschwinden eines Denkmals ein Stück Geschichte verloren. Deshalb ist durchaus sensibel mit Denkmälern umzugehen, soweit dies in irgendeiner Art und Weise möglich ist. Bei allem Verständnis für die Befürworter des Erhalts der Kammgarnspinnerei sind die objektiven Umstände so gelagert, dass sich die Stadt Schmalkalden ebenso wenig wie die vormalige Gemeinde Wernshausen den Erhalt des Gebäudes schlicht nicht leisten kann.