Kulturzentrum: (k)ein Hirngespinnst
Freundeskreis Todenwarth möchte Behlertbau, Hochspinnerei und Wasserkraftwerk kaufen
Von Susann Schönewald
Die Ereignisse überschlagen sich: Just in dem Moment, in dem die Presse über den unmittelbar bevorstehenden Abriss des Behlertbaus informiert wird, erhält Bürgermeister Thomas Kaminski einen Anruf, auf den die seinerzeit selbstständige Gemeinde Wernshausen vermutlich seit Jahren gewartet und gehofft hatte: Der Freundeskreis Todenwarth möchte Behlertbau, Wasserkraft und Hochbau in eigene Trägerschaft übernehmen und betreiben.
Ein „Rettungskauf“, sagt Vereinsmitglied Martin Koenitz, „die einzig noch verbliebene Chance, die Bauwerke zu retten“. „Wir sind uns der Last der Verantwortung bewusst“, betont der Breitunger Schlossherr im Namen der Vereinsmitglieder, zu denen nach eigenen Angaben Denkmalbesitzer gehören, Handwerker und Kunsthändler, Ärzte und Bürgermeister, Steinbruchbesitzer und Verlagsinhaber, „Leute, die mitten im Leben stehen“. Die Ideen, die die Aktivisten in den vergangenen Wochen gesammelt haben, will Koenitz nicht als „Spinnerei“ verstanden wissen. Dem Verein sei es ernst, in der ehemaligen Kammgarn ein kulturelles Zentrum für die Region etablieren zu wollen.
Von einem Zentrum für historische Baustoffe ist die Rede, einem Ofenmuseum, einer Galerie und einem Konzertraum. Der Behlertbau könnte als Arztpraxis, Büro- und Wohnfläche genutzt werden, oder auch als DDR-Museum und als Spielzeugmuseum. Der Eigenbedarf an Strom soll ab 2010 über die vorhandene Wasserkraftanlage gedeckt werden.
Mit diesem Projekt sprach jetzt Martin Koenitz im Auftrag des Freundeskreises bei Bürgermeister Thomas Kaminski vor. Der wiederum konfrontierte vorgestern Abend den Haupt- und Finanzausschuss mit der neuen Situation. Nicht öffentlich wurde diskutiert, weil es die Thüringer Kommunalordnung so vorschreibt. Doch das Thema Kammgarn ist längst in aller Munde.
Hohe finanzielle Risiken
Die Hoffnung stirbt zuletzt, besagt ein altes Sprichwort. Doch spätestens seit November vergangenen Jahres, mit der Vergabe der Aufträge an die Abrissfirma, scheint das Schicksal der ehemaligen Kammgarnspinnerei besiegelt zu sein. Sagen Bürgermeister Thomas Kaminski, der Erste Beigeordnete Rainer Stoffel und Projektsteuerer Peter Niepage von der EFG. Geschätzte eine Million Euro seien bereits ausgegeben: in die Vorplanungen, die 2003 begonnen haben, in erste Bau- und Erschließungsmaßnahmen. In seinem Interview vom 21. Februar hatte Bürgermeister Kaminski auf die Konsequenzen hingewiesen, sollte die „Akte Kammgarn“ noch einmal geöffnet werden. „All das ist Mitgliedern des Freundeskreises in mehreren Gesprächen mitgeteilt worden“, unterstreicht Peter Niepage. Allein die Sanierung von Behlertbau und Hochspinnerei würde – laut Gutachten – zwischen drei und vier Millionen Euro kosten. Ohne Erschließung. Auf dem etwa vier Hektar großen Gelände liegen weder Anschlüsse für Wasser, Abwasser, noch für Strom oder Gas, sagt Rainer Stoffel. Die Gesamtfläche sei auf den Plänen der Versorgungsträger als weißer Fleck dargestellt. Mit der Herauslösung der drei Objekte bliebe das „Chaos“ im Hinterland erhalten.
Prozess unumkehrbar?
Der Prozess der sogegannten „Revitalisierung der Kammgarnspinnerei“ ist offenbar unumkehrbar. Bürgermeister Kaminski begründete dies im Haupt- und Finanzausschuss unter anderem mit den bestehenden Verträgen, den bereits begonnenen Bauarbeiten, den entstandenen Kosten und möglichen Schadensersatzforderungen. All diese Punkte und finanziellen Risiken will er dem Freundeskreis Todenwarth schriftlich mitteilen, darauf haben sich dem Vernehmen nach die Ausschussmitglieder am Dienstagabend verständigt. Zudem hat der Stadtchef Martin Koenitz noch einmal ein persönliches Gespräch angeboten. Eine Befürwortung der Initiative durch den Stadtrat, die drei Objekte dem Freundeskreis zu einem symbolischen Preis zu überlassen, ist offenbar nicht zu erkennen.
Für den Fall, dass die Stadt Schmalkalden von ihrem Weg nicht abweichen sollte, scheint ein neuer Rechtsstreit vorprogrammiert. Die Rechtsaufsichtsbehörde im Landratsamt, so informierte Kaminski, habe die Stadtverwaltung aufgefordert, zu dem Vorwurf, sich die Fördermittel erschlichen zu haben, Stellung zu nehmen. Auslöser sei eine dem Landtag vorliegende Petition, eingereicht von Dr. Jochen Halbig.