Schlüsselloch
Da haben wir das Malheur! Schon wieder diese aufmüpfigen Kulturbürger! Diesmal treten sie nicht, wie gewohnt, im Rudel in Weimar auf, sondern da, wo man es nicht erwartet: im tiefen Südthüringen. TLZKulturredakteur Wolfgang Hirsch wird auf eine Geschichte aufmerksam, die dem obrigkeitlichen Fass die Krone aufsetzt. Das Fass ist vermutlich der Landrat. Zumindest fühlt er sich nach Jahrzehnten sattelfester Amtsführung wohl so. Nämlich bekrönt. Ein Partikularfürst! Selbstherrlich lässt er in Wernshausen ein IndustrieDenkmal abreißen. Nur eine Spinnerei? Genau das! Und zwar eine der ältesten Spinnereien und Wollkämmereien Deutschlands, anno 1832 gegründet. Dem Landrat ist sie im Weg, den Bürgern ganz und gar nicht. Und deshalb stehen sie, lauter brave Leute, dagegen auf: etwa der Museumsdirektor der Wilhelmsburg in Schmalkalden, ein Thüringer Denkmalschutz-Preisträger, ein Antiquar und ein Galerist. Und die Kulturinitiative Thüringen schon wieder, die fünfte Gewalt im Kulturland. Sie alle wissen die wirklichen Werte demokratisch zu schätzen. Der Hammer an der Geschichte ist aber, dass der Landrat im gesetzfreien Raum agiert. Und trotzdem seinen Willen durchsetzt. Selbstherrlich hat er den Denkmalschutz für die Spinnerei aufgehoben. Dagegen hat sogar der tapfere Landeskonservator in Erfurt protestiert und die obere Denkmalschutzbehörde angerufen. Das Prüfungsverfahren, ob abgerissen werden darf, ist bis heute nicht abgeschlossen. Trotzdem hat der Landrat selbstherrlich den Abriss verfügt. Während die Mühlen der Bürokratie noch mahlen, mahlt auch schon die Abrissfirma. Recht haben und Recht bekommen sind eben zweierlei Paar Schuhe.
TLZ vom 07.02.2009