Geldbeschaffung ohne Bank
Klammes Quickborn pumpt seine Bürger direkt an und bekommt vier Millionen geliehen

Quickborn ist mit 20 000 Einwohnern nicht groß, aber auch nicht arm. Im Speckgürtel von Hamburg lebt es sich recht angenehm. Bis im Vorjahr die Finanz- und Wirtschaftskrise auch Quickborn voll erwischt. Die Gewerbesteuern brechen ein, die Stadt im Landkreis Pinneberg (Schleswig-Holstein) weiß nicht mehr, wie sie die fest eingeplante Schulsanierung und den dringend notwendigen Erweiterungsbau für die Feuerwehr finanzieren soll. Bürgermeister Thomas Köppl (CDU) will seinen Quickbornern reinen Wein einschenken. Er organisiert eine Einwohnerversammlung, fragt die rund 500 Anwesenden, wo die Stadt sparen soll. Es
kommen ein paar Vorschläge, bis jemand die zündende Idee hat: Warum borgt sich die Stadt nicht Geld bei den eigenen Bürgern?
Köppl probiert es. Quickborn bietet ein Kommunaldarlehen, Mindestanlage 5000 Euro, Rückzahlung erfolgt nach einem Jahr mit drei Prozent Verzinsung. Der Darlehensvertrag ist unkompliziert und passt auf ein Blatt A4. Nur wenige Tage später hat die Stadtverwaltung frische vier Millionen Euro auf dem Konto. Die meisten Geldgeber kennt der Bürgermeister persönlich. "Wir hätten locker auch zehn Millionen einnehmen können", strahlt Köppl. "Kommunen sind bei Banken als Schuldner gern gesehen."
Ein paar hundert Kilometer weiter südlich erfährt der Thüringer Landtagsabgeordnete Frank Kuschel (Linke) von der kreativen Geldbeschaffung. Umgehend schreibt der Kommunalexperte eine seiner zahllosen Anfragen an das Erfurter Innenministerium: Könnten Thüringer Gemeinden mit ihren Bürgern ähnliche Schuldverschreibungen vereinbaren? Nein, können sie nicht, antwortet Innenminister Manfred Scherer (CDU) im Oktober, kurz vor Ende seiner Amtszeit. Laut Thüringer Kommunalordnung ist es den Gemeinden im Lande verboten, Banken zu gründen oder sich an Bankunternehmen zu beteiligen. Dieses Verbot schließe das Betreiben von Bankgeschäften mit ein. Ein Anlass, die gesetzliche Vorschrift zu ändern, werde nicht gesehen.
Muss auch nicht. Denn inzwischen hat ausgerechnet die BaFin, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, die Quickborner zurückgepfiffen. Darlehen sind Bankgeschäfte, sagt die Bonner Kontrollbehörde, und solche Geschäfte sind in Deutschland nur jenen erlaubt, die eine Banklizenz haben. Das sei auch ein Stück Anlegerschutz. In einer Gesprächsrunde beim "Deutschlandfunk", die den Fall Quickborn diskutiert, höhnt jemand, die Regel diene wohl eher dem Schutz der Banken. Tatsächlich mokierte sich der Bundesverband Deutscher Volks- und Raifeisenbanken, Quickborn entziehe mit seinem
unerlaubten Geldgeschäft den kommunalen Kreditinstituten wichtige Kundeneinlagen. Bei der Größenordnung sei das doch "Klöterkram", findet Bürgermeister Köppl. Ihm geht es neben dem Geld um einen ganz anderen Effekt: das neue Wirgefühl in der Stadt. Wer ihr sein Erspartes anvertraut, interessiert sich auch dafür, wie damit umgegangen wird.
Auf diese Weise Bürgersinn zu wecken, hatte auch Gera erwogen, als es vor der Aufgabe stand, die Bundesgartenschau 2007 auszurichten. Doch "unsere Hürde sind weder die Banken noch die Bürger", sagt Geras Bürgermeister und Finanzdezernent Norbert Hein (CDU). Die Hürde sei die Kreditgenehmigung durch die Thüringer Kommunalaufsicht. Dieses Jahr verortet Hein eine Lücke von 6,5 Millionen Euro im städtischen Haushalt. Mit den klassischen Konsolidierungs-Instrumenten, sagt er, ist die nicht mehr zu schließen.

Volkhard Paczulla
OTZ, 12.01.2010