Wissenschaftler
des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) haben
aktuelle Vorschläge deutscher Wirtschaftsexperten zur Bewältigung
der Wirtschaftskrise geprüft. Ihr Urteil ist ernüchternd. Ein Großteil
der deutschen Ökonomen ist weiterhin im Denken aus der Zeit vor der Krise
verhaftet.
Die IMK-Wissenschaftler sind der Überzeugung, dass nur ein Richtungswechsel
in der Lohn- und Verteilungspolitik einen Ausweg aus der Krise eröffnet.
Die Fortsetzung der Einkommensverteilung von unten nach oben, wie sie viele
deutsche Ökonomen empfehlen, würde demgegenüber die Binnennachfrage
noch weiter schwächen.
Die Ursache liegt in der so genannten Sparquote, wonach obere Einkommensgruppen
einen größeren Teil ihres Einkommens sparen, während Bevölkerungsgruppen
mit niedrigeren und mittleren Einkommen eine deutlich geringere Sparquote aufweisen,
also mehr konsumieren.
Die Zunahme der Einkommensungleichheit ist eine der entscheidenden Ursachen
für die aktuelle Wirtschaftskrise.
Es fehlt in vielen Volkswirtschaften eine solide finanzielle Binnennachfrage,
so die Analyse des IMK.
In den letzten Jahren stieg in Deutschland die Sparquote weiter an, während
der Konsum auf schwachem Niveau verharrte. Die schwache Binnennachfrage führte
zu einer starken Exportorientierung. Das deutsche Wirtschaftswachstum war somit
erheblich von Export und der Verschuldungsbereitschaft der Importländer
abhängig.
Die Forscher des IMK sind davon überzeugt, dass das Festhalten an dieser
Exportorientierung die Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft nicht beseitigen.
Erforderlich wäre eine Nivellierung der Außenhandelsbilanzen.
Der Forderung einiger Ökonomen nach Lohnzurückhaltung und Sozialabbau
widersprechen die IMK-Forscher. Wenn Lohnzurückhaltung in der Vergangenheit
zu einer immer stärkeren Exportlastigkeit beitrug, wieso soll diese Strategie
in Zukunft den gegenteiligen Effekt haben?
Heftig kritisieren die IMK-Forscher auch die Analyse des Chefs des Münchner
ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn. Der behauptete unlängst, aus Angst vor
den Fesseln einer fehlgeleiteten Sozialpolitik seien Kapital und Talente aus
dem arbeitsintensiven Binnensektor geflohen. Deshalb müssen die sozialen
Einschnitte noch weiter gehen.
Die IMK-Forscher kritisieren an dieser Auffassung von Prof. Sinn, dass überzeugende
Hinweise auf die Richtigkeit einer solchen Schwellenwerttheorie fehlen.
Das IMK hat als einen wichtigen Grund für die Lohnungleichheit die atypischen
Beschäftigungsverhältnisse analysiert. Hinzu kämen Leistungseinschränkungen
in der Arbeitslosenunterstützung und der gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherung,
die steuerliche Entlastung, insbesondere hoher Einkommen und Vermögen sowie
die Belastung des privaten Verbrauchs über die Erhöhung der Mehrwertsteuer.
Das IMK prognostiziert, dass die Binnennachfrage weiterhin schwach bleibt, sollten
sich die Einkommen weiter so unterschiedlich entwickeln.
Das IMK fordert Konzepte gegen das globale Nachfragedefizit. Die wirtschaftspolitischen
Rezepte der Vergangenheit, Löhne zu flexibilisieren und Sozialleistungen
einzuschränken, würde die wirtschaftliche Lage nur verschlimmern.
Mit einer gleichmäßigeren Einkommensverteilung ließe sich die
latente Nachfrageschwäche überwinden. Deutschland brauche demzufolge
eine neue Lohn- und Verteilungspolitik.
Das IMK empfiehlt daher, die Position der Gewerkschaften bei Lohnverhandlungen
zu stärken. Dazu gehören ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn
und die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifabschlüssen. Leiharbeit dürfte
nicht mehr reguläre Beschäftigung ersetzen.
(Quelle: Gustav Horn, Simon Storn, Till van Treeck: Die Debatte um die deutsche Exportorientierung in "Wirtschaftsdienst", Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, Heft 1, Januar 2010; ebenso "Böckler Impuls" 1/2010)
Frank Kuschel,
5.2.2010