Das Gift wirkt

Es gibt Theorien, die sich einen ganz besonderen Platz in den An(n)alen der Wissenschaft verdient haben. Dazu gehören Erkenntnisse des legendären Kriminologen, der als "Töpfchen-Pfeiffer" bekannt geworden ist.
Locker mit dessen Unfug konkurrieren kann Professor Marcel Tyrell von der privaten "Zeppelin-Universität" Friedrichshafen. Die Hochschule sieht sich in ihrem Selbstbild irgendwo "zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik" angesiedelt.
Tyrell geistert noch in anderen Sphären. Der Chef des "Buchanan Institute for Entrepreneurship and Finance" (zu dem neben ihm noch ganze zwei Mitarbeiter gehören) hat unter dem blumigen Titel "The Legacy of Surveillance" (dt.: Das Erbe der Überwachung) mit Marcus Jacob von der ebenfalls privaten "EBS Universität für Wirtschaft und Recht i. Gr." eine Studie veröffentlicht, deren Ergebnisse die Bild-Zeitung so zusammenfasst: "Das von Stasi-Spitzeln gesäte Misstrauen bremst noch heute die Wirtschaft in den neuen Bundesländern".
Doch die wackeren Gelehrten wollen ganz konkrete "Fakten" herausgefunden haben: eine erhöhte Dichte an Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) der DDR-Staatssicherheit sei noch heute für niedrigere Wahlbeteiligung und seltenere Mitgliedschaft in Vereinen verantwortlich, sie erkläre sieben Prozent des Einkommensunterschieds sowie 26 Prozent der unterschiedlichen Arbeitslosenquoten im Ost-West-Vergleich. Und wer immer dachte, Entindustrialisierung und bewusst eingeführter flächendeckender Niedriglohnsektor habe mit derlei Differenzen etwas zu tun, sieht sich nun eines besseren belehrt: die Stasi ist Schuld.
Die Analyseebene von Tyrell und Jacob sind die Kreise. Schaut man sich die Studie an, wird deutlich, was beide ins Verhältnis gesetzt haben: die Zahl der IMs Ende 1988 (allerdings lagen nur Daten von 147 der 227 DDR-Kreise vor), die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2002 und Arbeitslosenzahlen von 2007. Die Logik hinter dieser eigenwilligen Konstruktion bleibt offen. Auswirkungen demographischer Prozesse der letzten 20 Jahre - Fehlanzeige. Aufgefahren wird zwar ein wahres Feuerwerk statistischer Formeln, die Autoren haben aber keine Antwort auf die wichtigste Frage: woher soll den Einwohnern der Kreise bitteschön die spezifische "Überwachungsdichte" bekannt gewesen sein, um dann ein besonderes - von anderen Kreisen abweichendes - Misstrauen ausbilden zu können?
Widersprüche werden einfach ausgeblendet. Laut den Daten der Studie war im früheren Bezirk Halle die Zahl der IMs vergleichweise niedrig - ebenso niedrig freilich auch die spätere Wahlbeteiligung, während die Arbeitslosigkeit bis heute sehr hoch ist.
Besonders perfide: Tyrell und Jacob behaupten, aufgrund eines quasi von Generation zu Generation vererbten Misstrauens wegen der Stasi-Überwachung sei bei Ostdeutschen die Bereitschaft, Organe zu spenden, geringer ausgeprägt als im Westen. Tatsächlich liegen die ostdeutschen Bundesländer aber bei einem deutschlandweiten Vergleich der Organspenden auf den Plätzen 2 (Mecklenburg-Vorpommern), 3 (Sachsen-Anhalt), 5 (Thüringen), 7 (Sachsen) und 10 (Brandenburg). "Das Gift des Kraken Stasi wirkt noch heute in der Gesellschaft weiter", behauptet Tyrell dennoch unverdrossen in einem Interview. Welche "Gifte" die Hirne bestimmter Professoren vernebeln, harrt dagegen noch der Entdeckung.
Die Zeppelin-Studenten müssen übrigens zwischen 24.000 Euro für ein Bachelor-Studium und 25.000 Euro für einen berufsbegleitenden Master-Kurs berappen. Sicher nicht zu wenig, wenn man bedenkt, bei was für wissenschaftlichen Koryphäen sie ihre Ausbildung absolvieren dürfen und dass ihnen laut Homepage der "Zugang zum Außengelände mit eigenem Strand" gewährt wird.

Stefan Wogawa

11.8.2010

veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion des Linken Parlamentsreports,
http://www.die-linke-thl.de/parlamentsreport/pdf-ausgabe/pr2010/PR16_2010/lpr16s08.pdf