Wutschnaubende
Bürger, tobende Bürgermeister, abwinkende Richter: An kaum einem Thema
hat sich die Politik in Thüringen in den vergangenen Jahren so aufgerieben
wie an den Straßenausbaubeiträgen. Nun soll eine Reform her - doch
auch die sorgt für Zoff.
Erfurt. Peter Hammen ist stinksauer. "Abzocke", "Alles Quatsch"
und "Arroganz der Macht", schimpft der Vorsitzende der Allianz gegen
überhöhte Kommunalabgaben. "Das ist ein skandalöses Gesetz."
Grund für Hammens Wut ist die Drucksache 5/1759. "Siebtes Gesetz zur
Änderung des Thüringer Kommunalabgabengesetzes" steht auf dem
24-seitigen Papier, das voll ist mit juristischen Fachbegriffen und unverständlichem
Bürokratensprech. Doch was nach einer prima Einschlafhilfe klingt, lässt
Hammen nachts aufwachen. Denn die Änderungen, die CDU und SPD ab heute
im Landtag durchdrücken wollen, könnten Grundstückseigner 260
Millionen Euro kosten. Seit Einführung der Straßenausbaubeiträge
haben sich 170 Gemeinden geweigert, betroffenen Anliegern die Extra-Gelder abzuknöpfen.
Lange sah das Land weg. Nun will die Regierung ein Ultimatum stellen. Tritt
das Gesetz aus Drucksache 5/1759 in Kraft, haben die säumigen Gemeinden
ein Jahr Zeit, die ausstehenden Beiträge aus den 1990er Jahren einzutreiben.
Seit es sie gibt, sorgen die Straßenausbaubeiträge in Thüringen
für Zoff. Baut oder saniert eine Stadt oder Gemeinde eine Straße,
muss sie den Großteil der Kosten bei den Anliegern abkassieren. Wer etwas
von der Straße hat, der soll auch dafür zahlen - so die Logik des
derzeitigen Rechts. Schließlich werde durch die Erneuerung der Straße
der Wert der Grundstücke erhöht. Folge: Für Grundstückseigner
hagelte es Bescheide mit teils horrenden Summen. Über die Jahre kamen so
600 Millionen Euro zusammen.
Hauseigentümer liefen Sturm. Landauf, landab kam es zu Protesten. Hier
sperrten sich Bürgermeister, die Bescheide zu verschicken. Da weigerten
sich Anlieger zu zahlen. Ein Mann aus Wümbach im Ilmkreis kam sogar in
Beugehaft, weil er das Geld partout nicht überweisen wollte. Die Opposition
forderte die Abschaffung der Zwangsgelder und verwies nach Sachsen, wo die Gemeinden
selbst entscheiden, ob und wie viel Beiträge sie erheben.
Die Geschichte der Straßenausbaubeiträge ist eine Thüringer
Geschichte, eine Geschichte vor allem über Scheinpolitik über eine
Politik, die etwas anderes will, als sie vorgibt zu wollen. Es gab Reformversuche.
Es gab teure Rechtsgutachten. Es gab Gerichtsentscheide. Und es drohte ein Hickhack
wie bei den Abwasserbeiträgen. Also passierte nichts.
Es war Ex-Innenminister und jetziger Bundesverfassungsrichter Peter Huber (CDU),
der den seit fast 20 Jahren andauernden Streit zwischen Land und Kommunen über
die Beiträge mit einer Reform beenden wollte. Dafür wärmte er
eine Idee auf, die schon zuzeiten seiner Vorgänger im Ministerium kursierte:
Die Kommunen sollten mehr Spielraum erhalten und selbst entscheiden, wie viel
sie den Anliegern abknöpfen.
Konkret sah Hubers Vorschlag dann so aus: Statt bislang maximal 30 Prozent,
sollen sie bis zu 80 Prozent der Kosten übernehmen können. Mehr noch:
Wenn die Gemeindekasse voll ist und die Ausbaubeiträge diese nur noch mehr
füllen würden, kann auf die Erhebung verzichtet werden.
Was Huber seinerzeit als "bürgerfreundlich, juristisch einwandfrei
und finanzierbar" lobte, nennt Linke-Kommunalexperte Frank Kuschel einen
"faulen Kompromiss". Denn nur Kommunen ohne Schulden dürfen teilweise
oder ganz auf die Straßenbeiträge verzichten. Von den 950 Gemeinden
sind jedoch lediglich 100 schuldenfrei. "Kaum eine Kommune wird auf die
Beitragserhebung verzichten dürfen", sagt Kuschel.
Nun soll Hubers Reform im Landtag abgenickt werden. Dagegen will Hammen heute
vor dem Parlament protestieren. Drückt die Regierung drinnen das Gesetz
ohne Korrekturen durch, will er mit seiner Bürgerallianz ein Volksbegehren
gegen die Straßenausbeiträge starten. Es könnte ein langer Weg
werden. Aber an diesem Weg gibt es viele Anlieger.
Michael Wasner,
Thüringer Allgemeine, 23.3.2011