Ministerpräsidentin
Christine Lieberknecht (CDU) macht die Verwaltungsreform angesichts der monatelangen
und teils zähen Debatte zur Chefsache. Für dieses 'elementare Thema'
werde eine Stabsstelle in der Staatskanzlei eingerichtet, sagte sie am Dienstag
in Erfurt beim Ausblick auf das zweite Halbjahr.
Erfurt In der kommenden Kabinettssitzung soll dann verbindlich der Zeitplan
für das weitere Vorgehen festgelegt werden. Zu den jüngsten inhaltlichen
Auseinandersetzungen wollte sie sich nicht äußern.
Erster Schritt bleibe die Erstellung eines Gutachtens, sagte Lieberknecht. Dabei
zeigte sie sich irritiert über die Debatte einer möglichen europaweiten
Ausschreibung. Sie sei nicht auf die Idee gekommen, 'dass ein politischer Vorgang
Marktrelevanz bekommt'. Zugleich sei die kollektive Dynamik der Debatte nicht
vorhersehbar gewesen. Da das Thema aber Chefsache sei, könne nicht jeder
eingebunden sein, sagte sie.
Für die Linke ist die Ankündigung Beweis, dass es auch weiterhin kein
Tempo bei dem Thema geben werde. Es bleibe dabei, 'dass diese Amtsperiode der
Landesregierung eine verlorene Zeit für Thüringen ist', sagte Kommunalexperte
Frank Kuschel. Mit der Einrichtung der Stabsstelle würden 'innovative Ideen
ignoriert und aus dem Dunstkreis von Behördenmitarbeitern sollen Vorschläge
für eine Behördenreform erarbeitet werden'. Damit werde das Vorhaben
endgültig beerdigt. Erneut plädierte die Linke für Auflösung
der Mittelebene der Verwaltung.
Die Grünen begrüßten die Ankündigung Lieberknechts. 'Dass
die Ministerpräsidentin die Funktional- und Verwaltungsreform zur Chefsache
erklärt hat, zeigt, dass es ohne Reform nicht geht', sagte Fraktionschefin
Anja Siegesmund. Thüringen sei übermöbliert und die Reform ein
Muss. Allerdings reiche dabei bloße Kompetenzverschiebung nicht aus. Nun
müssten aber auch die koalitionsinternen Streitigkeiten ein Ende finden
Die FDP sprach von einem überfälligen Schritt. Wegen ständig
neuer Spekulationen einiger Akteure der Landespolitik über künftige
Strukturen würden die entscheidenden Fragen vernachlässigt, sagte
Innenexperte Dirk Bergner. Zuerst müsste etwa geklärt werden, ob eine
Gebietsreform überhaupt sinnvoll sei. Dabei spielten Kosten, Sparpotenziale
und Bürgernähe eine Frage. Damit aber hätte sich die Koalition
bislang nicht ernsthaft beschäftigt.
Weiter sagte Lieberknecht im Anschluss an die erste Kabinettssitzung nach der
Sommerpause, dass das Thema Nachhaltigkeit weiter höchste Priorität
habe. Dazu gehöre auch, einen Entwurf eines ausgeglichenen Haushalts parlamentarisch
zu beschließen. In diesem Zusammenhang erneuerte sie ihre Absage an Steuersenkungen.
Auch die Themen Demografie und Energie blieben weiter aktuell.
Darüber hinaus werde der Streit über die Ausrichtung der Landesbank
Hessen-Thüringen (Helaba) das Kabinett in der kommenden Woche beschäftigen.
Die von Wirtschaftsminister Matthias Machnig (SPD) angestoßene Debatte
sei legitim. Die derzeitige Bankenstruktur sei aber sinnvoll. Daher gehe es
auch nur um die Klärung der aufgeworfenen Fragen und nicht um einen Ausstieg,
sagte sie.
Mit Blick auf den umstrittenen Polizeieinsatz sächsischer Beamter bei einem
Jenaer Pfarrer sagte sie, dass sich das Kabinett einig bei der Unabhängigkeit
der dritten Gewalt sei. Der Einsatz in anderen Ländern sei ein normaler
Vorgang. Vor lauter Routine sei aber in diesem Fall die 'politische Implikation
nicht gesehen' worden. Rechtlich gebe es hingegen nichts zu beanstanden.
dapd, 24.8.2011