Erfurt. Mit Geld
wird Politik gemacht. Und mit weniger Geld sogar mehr Politik. So könnte
das Credo der Linken heißen, die mit ihren gestern vorgestellten Ideen
zur Finanzierung der Gemeinden, Städte und Kreise im Jahr 2012 fast wie
nebenher eine Gebietsreform vorantreiben wollen.
Den Einstieg in das Vorhaben hat die größte Oppositionsfraktion im
Landtag gut gewählt. "Wir wollen 200 Millionen Euro für die Kommunen
bewegen, für ihre kommunale Selbstverwaltung", erläuterte Fraktionschef
Bodo Ramelow gestern in Erfurt. Dass dieses Volumen der Summe ähnelt, die
Finanzminister Wolfgang Voß (CDU) mit seinem Kommunalen Finanzausgleich
(KFA) der unteren Verwaltungsebene aus den Rippen schnitt, ist sicher kein Zufall.
Bemerkenswert scheint jedoch, dass sich die Linken auch an die zweite Vorgabe
des obersten Kassenwarts halten: keine Neuverschuldung im nächsten Jahr.
"Das Klischee, Linke würden immer nur Schulden machen wollen, können
die anderen gleich stecken lassen", baut Bodo Ramelow vor. Deshalb sind
60 Millionen Euro, die der sogenannten Finanzausgleichsmasse des kommunalen
Topfs zusätzlich zufließen sollen, komplett deckungsfinanziert. Dafür
haben die Leute um den linken Finanzpolitiker Mike Huster 30 Haushaltstitel
geflöht. Hier ein paar Mieteinnahmen steigern, dort ein paar Millionen
Euro streichen. Vor allem bei Informationstechnik, Zinskosten, angenommenen
Bürgschaftsausfällen. Sogar die Ausgaben für Rentenbezüge
aus Sonderversorgungssystemen der DDR setzen die Linken um acht Millionen Euro
niedriger an.
Der Hauptteil der kommunalen Besserstellung soll jedoch dem Ausgleichssystem
selbst entspringen. Mit Änderungsideen, die aufhorchen lassen. So soll
es 2012 den Landkreisen verwehrt sein, die Kreisumlage ihrer kreisangehörigen
Gemeinden zu erhöhen. Auch will man nicht länger zuschauen, dass durch
einen Fehler des Kultusministeriums Geld für Kindergärten an die Landkreise
fließt. Von den rund 90 Millionen Euro Mehrkosten, die das neue Kindergartengesetz
verursachte, bekommen nach gültigem Verteilschlüssel die Kreise 22,5
Millionen Euro ab, obwohl sie mit der Aufgabe Kinderbetreuung fast nichts zu
tun haben. Auch deshalb sollen die gesamten Landesmittel für Kindergärten,
es sind über 500 Millionen Euro, komplett in den Haushalt des Kultusministeriums
wandern. Das schaffe Transparenz, heißt es bei den Linken.
Es würde zugleich den gesamten KFA durchrütteln. Aber das ist noch
nicht alles, sagt Kommunalexperte Frank Kuschel , unschwer erkennbar als der
Kopf hinter den Vorschlägen. Ihm missfällt, dass Minister Voß
Gemeinden mit schwacher Steuerkraft kräftiger als je zuvor unter die Arme
greift und ihre Defizite zu 80 statt bisher 70 Prozent über den Ausgleichssatz
der Schlüsselzuweisung im KFA bereinigt. "Das ist der falsche Anreiz",
findet Kuschel und schlägt lediglich 60 Prozent Ausgleich vor. Das würde
auch die Ungerechtigkeit beseitigen, dass Gemeinden, die schweren Herzens ihre
Hebesätze nach oben schraubten, die höheren Einnahmen zum Großteil
rechnerisch wieder abgezogen bekommen. Auch die sogenannte "Reichensteuer"
unter den Kommunen würde Kuschel lieber etwas erträglicher staffeln.
Mit Gewinn wirtschaftende Kommunalbetriebe sollen zur Ausschüttung in die
Gemeindekasse verpflichtet werden in Höhe von mindestens einem Prozent
der Verzinsung ihres Eigenkapitals. Viel Stoff zum Nachdenken.
Volkhard Paczulla,
Ostthüringer Zeitung, 17.10.2011