Der Landtag konnte
am Mittwoch nicht alle 17 Neugliederungsmaßnahmen absegnen, weil die SPD
plötzlich anfing, landesplanerisch zu denken. Vier Fälle sind vorerst
zurückgestellt.
Erfurt. Der Landtag bestätigte am Mittwochabend einen ganzen Schwung neuer,
freiwilliger Gemeindezusammenschlüsse - aber nicht alle, die es wollten.
Vier Neuordnungen, darunter ein Fall im Landkreis Greiz, wurden aus dem Gesetz
herausgenommen. Die SPD ließ sich vom Koalitionspartner CDU nicht erweichen.
"Diese vier geplanten Zusammenschlüsse befinden sich ausnahmslos in
Gegenstellung zu zentralen Orten", begründete SPD-Kommunalexperte
Matthias Hey die Vollbremsung. Freiwilligkeit habe ihre Grenzen dort, wo Fragen
des Allgemeinwohls berührt seien.
So sind es nicht die insgesamt 98 Gemeinden geworden, die sich spätestens
ab Januar in anderen, womöglich überlebensfähigen Strukturen
wiederfinden. Ein Wermutstropfen für Wolfgang Fiedler (CDU), der ansonsten
seine helle Freude hatte. "Die Freiwilligkeit funktioniert", rief
er im Parlament. Wer auf die Thüringen-Karte schaue, könne erkennen,
dass durch die Fusionen nirgendwo öffentliches Wohl beeinträchtigt
werde. Der langjährige Innenpolitiker bat die SPD, ihre Position zu überdenken
und die vier Ausgekoppelten nach weiterer Beratung im Innenausschuss noch im
Dezember ebenfalls zu genehmigen.
Die Sozialdemokraten ließen das offen. Wenn freiwillige Zusammenschlüsse
nicht auf ihre Wirkungen überprüft werden, brauchte der Landtag gar
nicht darüber diskutieren, argumentierte Hey. Ins Detail wollte er jedoch
nicht gehen.
Carsten Meyer von den Grünen half gern aus. Und zwar am Beispiel Mohlsdorf
und Teichwolframsdorf im Landkreis Greiz. Beide Gemeinden wollen fusionieren
und sich ihre Verwaltungsaufgaben nicht mehr von der nahen Stadt Berga/Elster
erfüllen lassen. Im Blick hatte Meyer aber nicht Berga, sondern Greiz.
Der Kreisstadt werde bis 2030 ein Einwohnerrückgang von bis zu 30 Prozent
vorausgesagt. "Wenn Greiz wegen zu geringer Einwohnerzahl seine Funktion
als Mittelzentrum verliert, kann das doch auch den Leuten in zehn oder 15 Kilometer
Entfernung nicht egal sein", richtete der Weimarer Grüne den Blick
in die Ostthüringer Zukunft und harsche Kritik an die CDU. Die habe es
seit 15 Jahren versäumt, Leitplanken für die Gemeindeneuordnung einzuziehen.
Leitbilder fehlen, benutzte der Linke-Abgeordnete Frank Kuschel ein anderes
Wort. In der Sache gab er Meyer und der SPD recht. Um seinen Wohnort Arnstadt
baue sich die Wachsenburggemeinde geradezu herum, sagte er. Dadurch entstehe
reichlich Konfliktpotenzial. Kuschels Zwischenruf nach Leitbildern hatte Wolfgang
Fiedler mit dem Hinweis gekontert, dass deren Erarbeitung, wenn man es ordentlich
mache, drei Jahre dauern würde. Der Linke-Abgeordnete glaubt jedoch, geeignete
Papiere würden längst im Innenministerium liegen. Unvernünftige
Leute wie Fiedler hielten nur die Schubladen zu.
Wie auch immer: Wer bis zum 15. November die nötigen kommunalen Fusionsbeschlüsse
eingereicht hat, kann mit den vom Land versprochenen Prämien rechnen. Um
wegen der Fülle der Anträge keinen Nachtragshaushalt zu riskieren,
baute die Landesregierung die Gelder als Rechtsanspruch ins Finanzausgleichsgesetz.
Toller Trick, staunte Kuschel, nur sollte der Anspruch auf Hochzeits-Mitgift
ohne Stichtag, also für alle gelten. Das wurde schließlich abgelehnt.
Ebenso der Linke-Änderungsantrag, die Wahlen der neuen Gemeinderäte
doch gleich auf den Termin 22. April 2012 festzulegen, wenn in Thüringen
die Landräte und Bürgermeister gewählt werden. Erst müssten
die Neugemeinden Hauptsatzungen haben, bevor man über Wahltermine spricht,
hieß es.
Freiwilligkeit hat weiter Vorrang
Mit der Entkoppelung der Fusionsprämien vom Landeshaushalt war Dirk Bergner (FDP) nicht einverstanden. Mit dem weiteren Vorrang der Freiwilligkeit dagegen sehr. "Zusammenschlüsse funktionieren sowieso nur, wenn Menschen freiwillig zueinanderfinden", sagte der ehrenamtliche Bürgermeister von Hohenleuben. Auch er appellierte an die SPD, sich mal in die Lage derer zu versetzen, die sich in mühseligem Prozess neu gefunden haben und nun enttäuscht werden sollen
Volkhard Paczulla, Ostthüringer Zeitung, 17.11.2011