Bei den Fusionsgemeinden können die Glocken klingen

Das war eine Bescherung pünktlich zum Fest: Der Landtag stimmte gestern mit großer Mehrheit den vier Gemeindefusionen zu, über die lange gestritten wurde.

Erfurt - Die neue Gemeinde im Landkreis Sonneberg hätte nach dem Zusammenschluss einen Bandwurm als Namen bekommen: Effelder-Rauenstein-Mengersgereuth-Hämmern. Ein solcher Name wäre wohl kaum auf dem Ortsschild unterzubringen gewesen. Um Problemen vorzubeugen, ließen sich die beiden Gemeinden eine neue Bezeichnung einfallen: "Frankenblick". Das klingt viel besser und ist für das Ortsschild allemal kurz genug.
"Man blickt nach Franken und bleibt natürlich in Thüringen, weil es bei uns viel besser ist", kommentierte CDU-Innenpolitiker Wolfgang Fiedler die Namenswahl. Fiedler und seine CDU-Fraktion waren hartnäckige Befürworter des Zusammenschlusses, der gestern - nach langem Streit in der schwarz-roten Koalition - vom Landtag gebilligt wurde. Auch die Verwaltungsgemeinschaften Dolmar und Salzbrücke im Landkreis Schmalkalden-Meiningen dürfen sich nun zusammenschließen. In Nordthüringen fusionieren Ilfeld und Niedersachswerfen, in Ostthüringen Mohlsdorf und Teichwolframsdorf. Versüßt wird ihnen die Gemeindeehe mit einer Geldprämie vom Land.
Die Begleitmusik zum amtlichen Segen im Landtag zeigte jedoch noch einmal, wie umstritten die vier Fusionen sind. "So ein chaotisches Gesetzgebungsverfahren hat das Haus noch nicht erlebt", schäumte Linken-Politiker Frank Kuschel. Die schwarz-rote Landesregierung hatte das Gesetz im Juni eingebracht, das die SPD in Teilen stoppte, worauf die CDU auf die Barrikaden ging, was langwierige Verhandlungen im Koalitionsausschuss zur Folge hatte, die erst vorige Woche mit einem Kompromiss zu Ende gingen.
Die SPD habe Recht gehabt mit ihren Bedenken, gestand selbst der Oppositionspolitiker Kuschel zu. Allerdings hätten die Sozialdemokraten viel zu spät die Fusionen aufhalten wollen. Da seien die Entscheidungen in den Gemeinden längst getroffen gewesen. "Frust und Verärgerung" bei den Betroffenen, so Kuschel, waren die Folge.
Der Frust kann nun der Wonne einer neuen Gemeinsamkeit weichen. Bei den beiden Sonneberger Gemeinden, so berichtet die CDU-Politikerin Beate Meißner, haben nach dem schwarz-roten Kompromiss bereits die Kirchenglocken geläutet. In den vier Kreisstädten Sonneberg, Meiningen, Nordhausen und Greiz dürften sich jedoch ganz andere Gefühle breitmachen. Die Zusammenschlüsse in ihrer Nähe könnten die Ausdehnung der Städte behindern und damit ihre Leistungskraft schwächen. Genau deshalb hatte die SPD so starken Widerstand geleistet.
Immerhin sieht der Kompromiss von Schwarz-Rot vor, dass bei allen künftigen Fusionen die Stärkung der zentralen Orte nun "besondere Berücksichtigung" findet. 15 Zusammenschlüsse, davon fünf in Südthüringen, sind bereits beantragt.
Alle weiteren fusionswilligen Gemeinden müssen sich auf noch strengere Bedingungen einstellen. Diese wurden vom Landtag ebenfalls beschlossen. Demnach wird es keine neuen Verwaltungsgemeinschaften mehr geben. Neue Gemeinden sollen dauerhaft auf mindestens 5000 Einwohner kommen. Da die Bevölkerung in Thüringen weiterhin schrumpft, bedeutet das Kriterium "dauerhaft" nichts anderes, als dass die Gemeinden bei einer Fusion deutlich über der Mindestgröße liegen müssen.
Auch bei den bestehenden Verwaltungsgemeinschaften, die als teuer gelten, ist die Zukunft ungewiss. Sie hätten keinen "unendlichen Schutz", sagte CDU-Politiker Fiedler. Nicht von ungefähr lehnte Ralf Luther, CDU-Landrat von Schmalkalden-Meiningen, den von seinen Erfurter Parteifreunden begrüßten Zusammenschluss der Verwaltungsgemeinschaften Dolmar und Salzbrücke ab. "Aus regionalplanerischer Sicht finde ich das nicht besonders gut", bekräftigte Luther gestern seine Kritik.
Bei der Abstimmung im Landtag reichte die Mehrheit trotzdem deutlich über Schwarz-Rot hinaus. Auch FDP und Grüne stimmten den vier Fusionen zu, die Linke enthielt sich wie angekündigt der Stimme. Standhaft blieben die beiden SPD-Abweichler Rolf Baumann aus Meiningen und David-Christian Eckardt aus Sonneberg. Sie haben - mit Verweis auf die Schwächung der Kreisstädte - die beiden Zusammenschlüsse in ihren Wahlkreisen stets abgelehnt. Also standen sie gestern auch als einzige Abgeordnete auf, als nach den Gegenstimmen gefragt wurde. In Meiningen und Sonneberg dürften sie nun als aufrechte Kämpfer gelten.
Eike Kellermann, inSüdthueringen, 19.12.2011