Auf der gutbesuchten
Einwohnerversammlung der Bürgerinitiative Birso in Langenorla suchen Politiker
und Bürger nach Möglichkeiten einer kostengünstigen Abwasserentsorgung
Langenorla. Der Saal der Gaststätte "Zum Orlatal" war am Dienstagabend
bis auf den letzten Platz gefüllt: Rund 200 Einwohner aus der Region waren
nach Langenorla zum Auftakt einer Veranstaltungsreihe der Bürgerinitiative
Birso gekommen, um sich über den Zwang für viele Hauseigentümer
im ländlichen Raum zum Neubau von vollbiologischen Kleinkläranlagen
zu informieren und ihren Unmut abzulassen.
Der in Pößneck ansässige Zweckverband Wasser und Abwasser Orla
hat im vergangenen Jahr die ersten 850 von insgesamt 4500 Kleinkläranlagen
in seinem Verbandsgebiet überprüft. "Dazu sind wir neuerdings
gesetzlich verpflichtet", erklärte Werkleiter Volkmar Göschka.
Etwa 30 Prozent jener Hauseigentümer müssen ihre Kleinkläranlagen
reparieren lassen. Bei weiteren 20 Prozent seien die baulichen Mängel groß.
Da es laut EU-Recht keinen Bestandsschutz für mechanische Anlagen gäbe,
müssten Eigentümer, die in jenen Bereichen wohnen, die nach dem Abwasserbeseitigungskonzept
bis 2024 nicht an öffentliche Kläranlagen angeschlossen werden, in
absehbarer Zeit vollbiologische Anlagen errichten. "Es gibt teilweise noch
Kleinkläranlagen aus den 40er Jahren, die nicht dem Mindeststandard entsprechen",
sagte Göschka. Sein Vergleich, dass heute kein Mensch mehr mit einem Auto
Baujahr 1992 fahre, empfand eine Frau aus Pößneck als "Schlag
ins Gesicht". Als Vorarbeiterin zähle sie zu der Gruppe der Geringverdiener,
die am Monatsende keine tausend Euro Lohn überwiesen bekomme: "Ich
kann mein Auto, mit dem ich auf Arbeit fahre, nicht verkaufen, um mir eine neue
Kläranlage leisten zu können", sagte sie.
"Die zentralen Kläranlagen in den größeren Orten wurden
mit einer 65-prozentigen Förderung errichtet, Hauseigentümer erhalten
für den Bau einer vollbiologischen Kläranlage mit Glück nur ein
Viertel der Kosten bezuschusst", sagte Landtagsabgeordneter Frank Kuschel
(Die Linke). Das Vorstandsmitglied des Kommunalpolitischen Forums Thüringen
forderte, dass man die Wasserzweckverbände auflösen solle, wenn es
den Solidargedanken nicht mehr gäbe, der Anfang der 90er Jahre zu ihrer
Gründung führte. Kuschel schlug vor, Gruppenlösungen zu prüfen.
Während der Ortsteil Kleindembach ab 2020 an die zentrale Kläranlage
in Pößneck angeschlossen werde, will der Zweckverband erst in Jahren
über die Art der künftigen Abwasserbehandlung für Langenorla
und Langendembach entscheiden. Bevor die dortigen Hauseigentümer jeweils
bis zu 6500 Euro investieren müssen, um ihre mangelhafte durch eine vollbiologische
Kleinkläranlagen zu ersetzen, sollten Gruppenkläranlagen errichtet
und an den Zweckverband übergeben werden. "Das ist für den Bürger
günstiger", sagte Kuschel, der die Bürgermeister aufrief, zu
diesem Zweck notfalls für erneute Kreditaufnahmen in der Verbandsversammlung
zu stimmen.
Die Schweinitzer Einwohnerin Barbara Heinz beklagte, dass die Politik immer
nur nach Haushaltslage entscheide, meist zu ungunsten der Bürger. "Für
eine vollbiologische Kleinkläranlage fallen jährliche Betriebskosten
von 550 bis 600 Euro an, während jene Haushalte, die an zentrale Kläranlagen
angeschlossen sind, durchschnittlich nur 220 Euro aufbringen müssten",
habe sie errechnet. Um der Landflucht und der Entwertung der Grundstücke
zu begegnen, solle man den Bau von Gemeinschaftskläranlagen in den Orten
ernsthaft prüfen, forderte Heinz.
Birso-Vorsitzender Wolfgang Kleindienst hatte die Einwohner der Gemeinde Langenorla
zu Beginn der Veranstaltung dafür kritisiert, dass sie zur Landratswahl
mit großer Mehrheit für die Kandidaten von SPD und CDU stimmten.
"Das sind die Parteien, die uns das Leben schwer machen."
Doch inzwischen hat man auch in der Landesregierung den Unmut der Basis erkannt.
"Wir arbeiten an einer Gesetzesänderung", sagte Landrat Frank
Roßner (SPD). Er habe gestern in Erfurt als Mitglied des Koalitionsausschusses
seiner Partei mit der CDU von der Bürgerversammlung in Langenorla berichtet
und sich dafür eingesetzt, dass die Zweckverbände bis 2027 und damit
mehr Zeit erhalten, um Lösungen für die Abwasserbehandlung zu finden.
Peter Cissek,
Ostthüringer Zeitung, 19.1.2012