Kläranlage
Unterbreizbach: Jetzt reden, um alte Fehler nicht neu zu machen
Muss
über vollendete Tatsachen diskutiert werden? Ein Bürgergespräch
mit Politikern
Unterbreizbach
- Die Kläranlage ist gebaut und in Betrieb, viele Haushalte sind angeschlossen,
die Gebühren-Bescheide werden voraussichtlich im Oktober verschickt. Der
Zorn der Menschen in Unterbreizbach, die damit nicht einverstanden sind, ist
während der Jahre, in denen sie sich gegen den Wasser- und Abwasserverband
Bad Salzungen (WVS) gewehrt haben, nicht schwächer geworden. Sie fürchten
große finanzielle Belastungen, sie fühlen sich getäuscht. Was
eine Diskussion der Problematik nicht einfach macht.
"Die Anlage steht", ein Industriedenkmal könne niemand wollen,
erklärte Frank Kuschel (Linke), Landtagsabgeordneter und kommmunalpolitischer
Sprecher seiner Fraktion, am Wochenende in Unterbreizbach. Weil aber, so stand
es in der Einladung, der Bau der Kläranlage in Unterbreizbach "noch
immer viele Fragen unbeantwortet" lasse, habe man auf Initiative der lokalen
Bürgerinitiative "ein offenes Bürgergespräch", organisiert.
Er selbst und die Linke-Landtagsabgeordneten Sabine Berninger, Ralf Kalich und
Dr. Roland Hahnemann suchten dieses Gespräch, "auch um Anregungen
für den Umgang mit dem Problem" im Landesparlament mitzunehmen. Die
Hoffnung Frank Kuschels, es könnten "erstmals alle Beteiligten an
einem Tisch zusammenkommen", erfüllte sich nicht. Er könne Landrat
und Landesregierung - eingeladen waren der Landrat und Vertreter des Innen-
und des Umweltministeriums - "nur bitten", nicht verpflichten. Mit
auf dem Podium: Roland Ernst, Bürgermeister in Unterbreizbach und Heiko
Pagel, Werkleiter des WVS. Nicht auf dem Podium, aber im Publikum und bereit,
sich am Gespräch zu beteiligen: Martin Becker, Leiter der Kommunalaufsicht
im Landratsamt, für den Verbraucherbeirat Roswitha Berthold und Ralf Tonndorf,
Vertreter der Bürgerinitiativen im Landkreis, Abgeordnete des Gemeinderats
Unterbreizbach.
Drei Gemeinderäte, Ralph Klinzing (Linke), Hans-Gerd Oetzel (Freie Wähler)
und Bernd Niebergall (SPD), alle Kritiker der Kläranlage und der WVS-Politik,
erläuterten den Verlauf "der ganzen Geschichte", beginnend in
den 1990er-Jahren. Deren "Bewertung" Ralph Klinzing zusammenfasste:
In Falle Unterbreizbachs seien EU-Richtlinien missbraucht, der Grundsatz der
Wirtschaftlichkeit und des sparsamen Mitteleinsatzes verletzt worden. Man habe
den Eindruck gewonnen, dass der Staatsanwaltschaft, der man umfangreiche Dokumente
vorgelegt habe, "Zügel angelegt", die Ermittlungen deshalb nicht
aufgenommen worden seien.
Heiko Pagel, der wissen musste, dass er wie so oft in den Diskussionen um die
Wasser- und Abwasserproblematik, die alleinige Zielscheibe des gesamten Zorns
verkörpern würde, scheute weder die Auseinandersetzung mit den Bürgern
noch die sehr kritischen Fragen der Landtagsabgeordneten. Verwahrte sich aber
gegen den wiederholten Vorwurf, der Verband informiere die Gemeinden nicht über
Vorhaben und Pläne. "Vielleicht" seien die Bürger in der
Vergangenheit nicht genug informiert worden - was sich aber längst geändert
habe. Er könne weder für EU-Richtlinien und Gesetze - die eingehalten
worden seien - verantwortlich gemacht werden, sagte der Werkleiter, noch lasse
es sich "auf den Verband abwälzen, wenn Kali und Salz eigene Spielchen
spielt". Die Verwendung aller Fördermittel werde geprüft und
kontrolliert - man möge überdies die Vorteile der "infrastrukturellen
Erschließung" Unterbreizbachs nicht vergessen, im Zweifelsfalle den
Vergleich mit Merkers-Kieselbach suchen, einem Ort, "der auf der Strecke
geblieben ist".
Den größeren Teil des Publikums erreichte Heiko Pagel nicht - "Beschiss"
und "Manipulation" lauteten die Vorwürfe. Den Bürger, sagte
Roland Hahnemann, interessiere, ob die Kläranlage nötig gewesen sei,
ob hier nicht "sein Geld verschwendet wird". Was einige Frauen und
Männer mit Schilderung ihres persönlichen Falles unterstrichen. Dass
sie, wie Heiko Pagel versichert hatte, eine "vertretbare Belastung"
erwarte, die Beiträge in Raten über vier Jahre gezahlt werden könnten,
sehen sie nicht so. "Das Übel des Zwangsanschlusses" wurde beklagt
und die Furcht "vor dem, was als Nächstes kommt".
Die Diskussion über die Einwohnerwerte - manipuliert, sagen die Kritiker,
nach Lehrbuch berechnet, sagt Heiko Pagel - versuchte Martin Becker, Leiter
der Kommunalaufsicht, vergeblich zu entschärfen. Die Werte, erklärte
er, von wütenden Zwischenrufen begleitet, seien ausschließlich für
die Beantragung von Fördermitteln wichtig. Bauen könne der Verband,
"wenn er Bedarf sieht" - ungeachtet der Einwohnerzahl eines Ortes.
Was, nach Ansicht einer Frau, "egal ist", weil man "hier über
was redet, was schon steht". Kein Grund, nicht darüber zu reden, befand
Frank Kuschel. Die Vorwürfe müssten aufgeklärt werden, der WVS
sei zu einem "Höchstmaß an Transparenz" angehalten. Zudem
habe "der öffentlich Druck" in der Vergangenheit beigetragen,
das Problem in die landesweite Diskussion zu bringen. Eine "kritische Überprüfung
der noch nicht getätigten Investitionen" könne auch "zur
Senkung der Beiträge führen". Angelegenheiten, worum sich der
Verbraucherbeirat, sagte dessen Vorsitzender Ralf Tonndorf, "in sachlicher
Arbeit" kümmere. Auch wenn "wir aus Unterbreizbach viele Schläge
bekommen", sei nicht zu leugnen, dass nicht nur die Einrichtung des Beirats,
sondern auch das Votum der lokalen Parlamente erreicht worden sei.
Auch diese Worte erreichten die Menschen, die wütend sind, nicht - weil
die Kläranlage steht und die Bescheide kommen werden. Und außerdem,
sagt eine Frau, "blickt doch keiner mehr durch".
Südthüringer Zeitung vom 26.02.2008