Sagen Sie es konkret: "Was wird mit der B 62?"
Wirtschaftsbeirat lud Landtagskandidaten ein und befragte sie zu Fachkräfteabwanderung, Verkehrsinfrastruktur und Bildung

Nach einer recht langatmigen ersten Runde zur Demographie, als alle Landtagskandidaten versuchten zu erklären, wie man die Abwanderung stoppen und Fachkräfte in Thüringen halten könnte, platzte den Unternehmern der Kragen. Thomas Müller, RSB Merkers, forderte: "Werden Sie konkreter! Ich erwarte wenigstens ein, zwei Sätze, wie man es anpacken könnte." Alle hacken auf den niedrigen Löhnen herum. Aber mit einem Netto-Vergleich könnte Thüringen möglicherweise punkten. Natürlich würden in Stuttgart andere Löhne und Gehälter gezahlt. Aber dort seien auch die Lebenshaltungskosten um ein Vielfaches höher. Interessant sei doch, was unter dem Strich übrig bleibe.
Auch Michael Präßler, BAF Fischbach, zeigte sich enttäuscht. Auch er habe konkrete Vorschläge erwartet. Beispielsweise zahle die Stadt Leipzig für alle Fachkräfte-Rückkehrer ein Begrüßungsgeld oder finanziere in den ersten Monaten die Wohnungen. Er vermisse auch einen Ansatz, um dem Mittelstand zu helfen. Er habe ein Unternehmen mit 40 Beschäftigten und kämpfe genauso wie die großen Unternehmen und die Banken mit den Auswirkungen der Krise.
Harald Weih, Elektrik Vacha, wünscht sich, dass die Politik die Arbeit nach Thüringen holt. "Als Elektrofirma installieren wir DSL in Baden-Württemberg zuhauf." Aus Thüringen kämen nur ganz vereinzelt Aufträge.
Gastwirt Dieter Bade aus Gumpelstadt schimpfte gleich weiter. "Wir haben seit 1990 durch das Werratal keine durchgängige Straße." Das neue Schulsystem sei ein Rückschritt, bis zur achten Klasse sollte gemeinsam gelernt werden und auch das ganze Gerede über eine Gebietsreform sei Quatsch. Er habe die Erfahrung gemacht: "Je größer der Haufen, umso schlechter wird es." Bade plädierte für kleine schlagkräftige Gemeinden und den Erhalt des Wartburgkreises, der leistungsstark sei.
Und plötzlich entwickelte sich doch noch eine lebhafte Diskussion um das gemeinsame Lernen in der Schule. Tendenz CDU und FDP gegen den Rest. Manfred Grob und Regina Müller (CDU) verteidigten vehement das jetzige System von Grundschulen, Regelschulen und Gymnasien. Nur so sei es möglich, individuell zu fördern. In einer Einheitsschule orientiere man sich am Schwachen, die Elite bleibe auf der Strecke. Auch für den Erhalt des jetzigen Bildungssystems plädierte Fred Leise (FDP). Allerdings müsste die Praxisbezogenheit wieder verbessert werden. Der polytechnische Unterricht, der Unterrichtstag in der Produktion (UTP) und die Einführung in die Produktion (ESP) seien keine schlechten Erfindungen gewesen.
Widerpart gab es von den Freien Wählern, der SPD und den Linken. Katja Wolf (Linke): "Die skandinavischen Länder, wie Finnland, machen es uns vor. Ich garantiere Ihnen, dass in Klassen mit 14 oder 16 Schülern und guten Lehrern eine individuelle Förderung möglich ist. Meine Tochter geht seit wenigen Tagen in die erste Klasse mit 28 Schülern. Wer da schwach ist, bleibt schwach." Der Zusammenhalt im Klassenverband bis Klasse 8 sei wichtig für die soziale Kompetenz der Kinder. Und eine zu frühe Trennung in Regelschüler und Gymnasiasten erzeuge einen für die Kinder in diesem Alter ungesunden Leistungsdruck. Wolf akzeptierte den Einwurf von Moderator Herbert Romeis, dass das aber Geld koste. Aber die Bildung sei nun einmal das wichtigste Pfund, mit dem Thüringen wuchern könne, so Wolf. Sie kritisierte die Ausbildung der Lehrer. Sie sei nicht praxisorientiert genug. Viele der jungen Absolventen würden erst im Referendariat zum ersten Mal vor einer Klasse stehen. Außerdem gebe es viel zu wenig Schulpsychologen im Land.
Das gemeinsame Lernen bis Klasse 8 favorisierte auch Thomas Fischer (SPD). Von klein auf müssten die Kinder wieder lernen, von der "Ich-Person zum Gemeinwohl umzuschalten". Außerdem sollte das Land darauf Einfluss nehmen, dass in den gut ausgestatteten Berufsschulen in Bad Salzungen und Eisenach auch die Berufe ausgebildet würden, die in der Region gebraucht werden.
Thomas Herrmann und Werner Hellmann (Freie Wähler) wünschen sich ein besseres Angebot in der Grundschule. Herrmann: "Ich habe eine Tochter in der Grundschule, die kommt manchmal nach Hause.und erzählt, die Klasse habe den ganzen Tag nur Fußball gespielt." Seine andere Tochter habe die Aufnahmeprüfung für das Sprachgymnasium in Schnepfenthal bestanden. Da gebe es den ganzen Tag über interessante Bildungsangebote und Leistung werde gefordert. Das müsse an allen Schulen Normalität werden. Viel zu spät beginnt für Herrmann auch die Sprachausbildung. In der dritten Klasse singen die Kinder in Englisch nur Liedchen. Das könne es doch wirklich nicht sein. Außerdem sollten die Schulen stärker selbst verwaltet und die Schulämter abgeschafft werden.
Eine besserere Ausstattung der Kindertagesstätten forderten Mario Amling und Danilo Saft (Grüne). 2000 fehlende Erzieherinnen seien einfach kein Zustand. Für alle Kinder die gleichen Bildungschancen - das sei die Gerechtigkeitsfrage des 21. Jahrhunderts. Gemeinsames Lernen bis zur Klasse 8, fließende Übergänge und keine Studiengebühren in Thüringen sowie eine verbesserte Ausstattung der Hochschulen seien notwendig, um das Bildungssystem zu reformieren.
Für Peter Seigert, KRS Barchfeld, sind diese Debatten viel zu kompliziert. Das Problem für ihn zeigt sich darin, dass der Lehrer längst keine Respektsperson mehr sei und der "Null-Bock-Generation" wenn sie eben nicht lerne, einfach nichts passiere. "Wir können doch in den Unternehmen nicht auch noch Eltern und Schule ersetzen." Es müsse doch auch in der Schule bereits erlaubt sein, Leistung zu fordern.
Verkehrsinfrastruktur
Hoch schlugen die Wogen zur Werraquerung. Er wolle jetzt konkret von jedem wissen, wie er zum Ausbau der B 62 und zur Werraquerung stehe. Es sei einfach ein Unding, dass nach Jahren der Planung ein NABU-Präsident hier vor Ort auftauche, nicht einmal der Bürgermeister sei zu dem Termin eingeladen, und ankündige, gegen die geplante Trasse zu klagen und damit alles erneut zu verzögern, beschwerte sich Jürgen Schmidt von Werrablitz Barchfeld.
Danilo Saft (Grüne) hielt dagegen. Es stimme einfach nicht, dass die Grünen oder der Naturschutzbund (NABU) gegen die Werraquerung wären. "Wir fordern lediglich, dass in ökologisch gefährdeten Bereichen statt eines Damms eine Brücke gebaut wird".
Und genau das sei der Streitpunkt zwischen Bund und Land, erklärte Frank Kuschel (Linke). Der Bund sei bereit, die Dammvariante zu bauen. Favorisiere das Land die Brückenvariante, koste das fünf Millionen Euro mehr und die wären vom Land zu tragen.
Danilo Saft (Grüne) schlägt vor, einen Runden Tisch zu bilden. Alle Beteiligten sollten gemeinsam mit dem Naturschutzbund noch einmal an einen Tisch, um einen Kompromiss zu finden. Dann könne sicher auch eine Klage verhindert werden.
Gefahrguttransporte
Spediteur Jürgen Schmidt schneidet ein anderes heißes Eisen an. Er fragt, wen er wählen müsse, damit Gefahrguttransporte endlich den Rennsteigtunnel bei Suhl durchfahren dürfen. Seit der Einweihung der Autobahn sei das untersagt. Folge: Die gefährlichen Güter würden durch den Thüringer Wald gekutscht. Das berge viel höhere Gefahren für die Bürger.
Manfred Grob (CDU) beruhigt. Er wisse, dass sich mit dem Thema beschäftigt werde und er sei sicher, dass bald eine Lösung gefunden werde.
Da platzt Heiko Gentzel (SPD) der Kragen. So einfach sei das aber nicht. "Wir haben das Thema mehrfach angesprochen." Er habe beispielsweise vorgeschlagen, Gefahrguttransporte nur als Sammeltransporte in den frühenen Morgenstunden die Tunnel passieren zu lassen. Aber die CDU entscheide einfach nicht.
Frank Kuschel (Linke) widerspricht. Seiner Meinung nach sei die Entscheidung bereits gefallen. Auch hier habe sich das Land Thüringen wieder einmal der Verantwortung entzogen. Der Bau der Tunnel in diesem Bereich habe 550 Millionen Euro gekostet. Damit sie auch Gefahrguttransporte passieren können, wären weitere 36 Millionen Euro nötig gewesen. Nun fehlten die Sprinkleranlage und die zweite Feuerwache. Ergebnis: Es gibt keine Genehmigung für die Durchfahrt von Gefahrguttransporten.

Freies Wort vom 14.08.2009