Dicht an der
Zeit des Umbruchs dran
Erlebnisse um die Wendezeit führten zum Umdenken
Bad Salzungen -
Prägende Ereignisse um die Wendezeit und deren heutige Bewertung - das
stand im Mittelpunkt des Forums "Partei im Umbruch", welches auf Initiative
der Linken des Wartburgkreises am vergangenen Montag im Hotel Salzunger Hof
stattfand.
Gerade weil der Vorwurf der mangelnden Geschichtsaufarbeitung schön öfters
laut wurde, hat man zu dieser Gesprächsrunde sogar die Abgeordnete im Europaparlament
Gabi Zimmer und den Vorsitzenden der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen,
Steffen Kachel, als Gesprächspartner gewinnen können.
Eine Filmreportage des DDR-Jugendfernsehens unter dem Titel "Der Zug der
Einheit setzt sich in Bewegung" über den Zeitraum 1989/90, als eine
Art Retrospektive, gab zu Beginn der Diskussionsrunde ungeschminkte Einblicke
in verschiedene Bereiche der Gesellschaft, aber auch Denkanstöße
zur persönlichen Erinnerung der Diskussionsteilnehmer.
Die Diskussion eröffnete Gabi Zimmer mit dem Blick auf die Ereignisse in
Suhl im Herbst 1989. Sie sprach von einer erdrückenden Situation und einer
verbreiteten Sprachlosigkeit.
Ihr als Mitglied der Parteileitung im Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk habe der
Kampfgruppenkommandeur den Schlüssel von der Waffenkammer vor die Füße
geworfen und ihr zugerufen "Du hast mich 40 Jahre betrogen". Als dann
im Dezember 89 der Parteitag der SED/ PDS in Berlin vor der Tür stand und
sie als Delegierte gewählt war, sagte ihr der Meister aus der Jagdwaffenproduktion
"Mädchen zieh den Kopf ein und lass dich nicht darauf ein nach Berlin
zu fahren".
Über solche Aussagen und Standpunkte habe sie intensiv nachgedacht. Damals
hatte sie erhebliche Zweifel, ob es gelinge, aus der verfahrenen Partei etwas
völlig Neues zu machen, unterstrich Gabi Zimmer. Ihre Vision zur Gestaltung
eines besseren Staates seien zwar nicht erfüllt worden, jedoch habe sich
die Linke, trotz allen Problemen, heute als wahrnehmbare gestalterische Kraft
etabliert. Gabi Zimmer prognostizierte, dass gesellschaftliche Veränderungen
in Zukunft nicht vordergründig von Parteien, sondern von sozialen Bewegungen
ausgehen.
Roswitha Berthold (parteilos) und Mitglied des Stadtrates in Bad Salzungen beschrieb
ihren Lebensinhalt sowohl vor als auch nach der Wende, sich den Problemen der
Menschen gewidmet zu haben und damit sei sie gut gefahren. Frank Kuschel und
Antje Schneider veranschaulichten an Beispielen, dass Parteien und Bewegungen
nur dann erfolgreich sein können, wenn sie daran gehen die Alltagsprobleme
und persönliche Betroffenheit von Menschen zu lösen. Kuschel verwies
auch auf die Tatsache, dass in der Verfassung ein erhebliches Defizit an sozialen
Grundrechten vorhanden sei, gegenüber anderen bürgerlichen Demokratien.
Gerd Anacker, 26.2.2010