Die Kindertagesstätte in Wölferbütt schließt zum Monatsende. Letzte Versuche, die Einrichtung über einen freien Träger zu retten, sind gescheitert
Wölferbütt
- Ein Kapitel in der Dorfgeschichte Wölferbütts, das immer wieder
die Emotionen hochkochen ließ, ist beendet: Der Gemeinderat hat vorgestern
Abend einstimmig beschlossen, die Kindertagesstätte "Kleine Wölfe"
zum 28. Februar zu schließen. Der Grund: Die Kommune kann sich die Einrichtung,
in der nur noch acht Kinder betreut werden, nicht mehr leisten. Auf Bitten der
Eltern war der Betrieb einen Monat länger als geplant aufrechterhalten
worden (wir berichteten). Der Gemeinderat bekam in der Sitzung am 13. Januar
den Auftrag, zu prüfen, ob die Übernahme durch einen freien Träger
eine Option sei. Daraufhin hatte sich Walter Beck, Chef der Verwaltungsgemeinschaft
(VG) Vacha, mit den infrage kommenden Trägern Diakonia, AWO und DRK in
Verbindung gesetzt. Ergebnis: Diakonia und AWO lehnten eine Übernahme wegen
der geringen Kinderzahl ab und eine eventuelle DRK-Trägerschaft käme
die Gemeinde in diesem Jahr noch teurer als der bisherige Eigenbetrieb. Weiter
informierte Walter Beck, man habe der Kommunalaufsicht beide Varianten des Haushaltsentwurfs
2011 - einmal mit, einmal ohne Kindergarten - vorgelegt. Nach Kenntnisnahme
habe die Prüfbehörde mitgeteilt, die Variante mit Kindergarten sei
in Anbetracht der finanziellen Situation der Gemeinde nicht genehmigungsfähig.
Man habe sich auch bemüht, kurzfristig eine Lösung zu finden, die
Schließung des Kindergartens, in dem es seit erstem Januar nur noch eine
Erzieherin gibt, ein paar Wochen aufzuschieben, berichtete Bürgermeister
André Meister. Ebenfalls ohne Erfolg: "Es hat sich kein Personal
gefunden, das hier in Wölferbütt einspringt."
Wie Walter Beck berichtete, war auf Betreiben von Manfred Weiß - der in
der Sitzung entschuldigt fehlte - auch Landtagsabgeordneter Frank Kuschel (Die
Linke) mit dem Wölferbütter Problem betraut worden. "Er hat sich
unseren Haushalt angeguckt und hat selber gesagt: 'Perspektivisch ist der Kindergarten
nicht zu halten'", sagte der Bürgermeister. Er habe aber angeregt,
die Gemeinderäte sollten sich etwas Neues einfallen lassen, um den Betrieb
noch einige Monate aufrechterhalten zu können. Kuschel schlug unter anderem
vor, auf die Beschäftigung von Gemeindearbeitern zu verzichten und die
Friedhofsgebühren zu erhöhen. Die Ratschläge des Linke-Politikers
seien nicht umsetzbar, befand der Bürgermeister. "Die einzige Aussage,
die ich aus diesem Geschwätz rausgenommen habe, war: Wir sollen die Leute
im Dorf am besten noch mehr abzocken."
Wie zur letzten Gemeinderatssitzung, bei der das Thema Kindergarten hitzig debattiert
worden war, waren auch dieses Mal viele Bürger gekommen. Bevor über
den Beschluss abgestimmt werden sollte, sagte André Meister an die Gäste
gewandt: "Eine Entscheidung muss heute gefällt werden. Möchte
noch jemand etwas dazu sagen, noch Fragen stellen, hat jemand noch eine Meinung
oder weiß vielleicht, dass jemand noch irgendwo sitzt, der Geld hat?"
Nach kurzem Schweigen fragte eine Mutter: "Könnte man nicht wenigstens
bis zum Sommer auflassen, damit die Kinder, die dann in die Schule kommen, zuvor
nicht noch einen Kindergartenwechsel mitmachen müssen?" Der Bürgermeister
verwies darauf, dass es auch ums Geld für das Straßenprojekt "Neue
Welt" gehe, für das jetzt die Weichen gestellt werden müssten,
weil es sonst die Förderung von 65 Prozent nicht geben werde. "Dann
erhöht doch Friedhofsgebühren. Es gibt Gemeinden, da sind sie viel
höher als hier bei uns", warf eine Rentnerin ein. "Wir haben
einen Fehlbetrag von zigtausend Euro. Ich weiß nicht, wie man das umlegen
soll, auf irgendwelche Gebühren", entgegnete André Meister.
"Die ganze Diskussion geht nur daraufhin, dass die Obrigkeit sagt: Der
Kindergarten muss weg, der kostet zu viel", schimpfte die ältere Dame.
"Jetzt sind wir wieder genau da, wo wir das letzte Mal aufgehört haben",
konstatierte Gemeinderat Bernd Wiese in Anbetracht der wieder aufflammenden
hitzigen Debatte. "Man hat doch jahrelang gesehen, dass der Kindergarten
nicht mehr lange zu halten ist. Schwarz auf weiß seht ihr doch die Einnahmen
und die Ausgaben." Dass Geld fehle, sei allen bewusst, "aber wenn
das jetzt vorgeschlagen wird mit den Friedhofsgebühren, da wird gleich
abgeblockt", sagte ein junger Vater verärgert. Es gehe nicht nur um
die Friedhofsgebühren, sondern um Straßenreinigung, Winterdienst
und mehr, erklärte Bernd Wiese. "Das muss alles auf die Bürger
umgelegt werden." Wieder wildes Durcheinandergerede, das nur ein Vater
mit dem zornigen Satz: "Dann macht ihn doch zu und fertig" übertönte.
"Hätte man gesagt: Wir lassen das jetzt noch ein halbes Jahr, dann
hätten wir uns damit abgefunden", sagte eine Mutter, deren Kind im
Sommer in die Schule kommt. Diese, seiner Meinung nach egoistische Sichtweise,
erzürnte einen Bürger: "Und was machen die nächsten Eltern,
die dann nach dem halben Jahr kommen?", fragte er. "Die wissen dann
wenigstens schon Bescheid", erwiderte die Frau. "Und wo kommt das
Geld her für das halbe Jahr? Wer soll denn das bezahlen - das ganze Dorf,
für acht Kinder? Es ist doch langsam lächerlich, was ihr hier loslasst",
sagte der Mann wütend. Es wurde erneut laut - und Gemeinderat Herbert Schwarz
mahnte zur Ruhe und erklärte: "Wir müssen langsam mal einen Haushaltsplan
beschließen, deswegen diese Eile." "Wenn wir jetzt noch einen
Monat zögern, könnt ihr den Kindergarten offen lassen, dann wird auch
die Straße nicht gebaut", sagte der Bürgermeister. "Da
sind schon 30 000 Euro Planungskosten reingeflossen, die wären dann für
die Katz."
Ein Vater wollte noch wissen, wie viel Geld die Gemeinde mit der Kindergartenschließung
in diesem Jahr spart. Rund 50 000 Euro, sagte Walter Beck. "Ist es egal,
ob die Kinder dann nach Völkershausen oder nach Gehaus gehen?", fragte
der Mann nach und der Bürgermeister anwortete: "Wir kaufen den Rechtsanspruch
in Völkershausen. Es muss aber nicht sein, dass ihr eure Kinder dorthin
tut. Ihr habt freies Wahlrecht."
Damit kehrte letztlich Ruhe ein. "Wir müssen jetzt auf einen Nenner
kommen", sagte André Meister, die Streiterei bringe nichts. Und
so wurde der Beschluss gefasst, die Kindertagesstätte zum 28. Februar zu
schließen. Nun muss schnellstens der Haushalt beschlossen werden, damit
das Straßenprojekt "Neue Welt" begonnen werden kann.
Freies Wort, 3.2.2011